Aachen: Aachener RWTH-Psychologen erforschen Phänomen Multitasking

Aachen: Aachener RWTH-Psychologen erforschen Phänomen Multitasking

Nur nicht ablenken lassen! Iring Kochs (nahezu) ungeteilte Aufmerksamkeit gilt dem Thema Multitasking, also der Fähigkeit oder Unfähigkeit, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig zu meistern. Er nennt es ein „Phänomen“, das so viele Wissenschaftler vor ihm beleuchtet haben.

Der Aachener Psychologie-Professor aber ist in der prächtigen Situation, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft 16 neue sogenannte Schwerpunktprogramme einrichtet und eines davon den Titel trägt: „Kognitive Mehrfachanforderungen: Repräsentation und Mechanismen“. Koch ist einer der Koordinatoren. „Ich finde das wahnsinnig interessant“, sagt er.

Wenn über Multitasking sinniert wird, dann ist immer irgendwie das Bild von der telefonierenden und gleichzeitig kochenden Frau — welch‘ Klischee! — oder dem konferierenden und gleichzeitig auf sein Smartphone tippenden Manager — auch ein Klischee! — im Raum. Das Essen brennt an, die Konferenz misslingt. „Wir Menschen kommen schnell an Limits, wenn wir bei einer Tätigkeit abgelenkt werden“, sagt Koch. Die Wissenschaftler werden das mit ihrer Forschung nicht verändern, geschweige denn verbessern können. Aber sie wollen endlich verstehen, warum und wie eine Ablenkung die Leistung einschränkt. Dafür bekommen sie Zeit — und Geld.

Für die 16 interdisziplinären Schwerpunktprogramme stehen für zunächst drei Jahre 89 Millionen Euro bereit. Die Aachener RWTH-Psychologen arbeiten mit der Julius-Maximilian-Universität in Würzburg und der Justus-Liebig-Universität in Gießen zusammen — es ist eine Kooperation aus Psychologen und Sportwissenschaftlern, die da in Gang gesetzt wird. „Die Sportwissenschaftler haben einen anderen Zugang“, sagt Koch. Aus beiden Blickwinkel soll ein ganz neues Bild entstehen.

Es ist im Grunde auch eine Frage des Alltags: Wenn wir während der Autofahrt telefonieren, dann verlängert sich die Bremszeit. Das wurde im Labor längst bestätigt. Und weil der Bremsweg schlimmstenfalls über Leben und Tod entscheidet, ist das Telefonieren am Steuer verboten. „Vermutlich leidet auch die Qualität des Telefongesprächs“, sagt er.

Dass die Leistung schlechter wird, haben schon zig Studien gezeigt. Koch spricht von „mentaler Überlappung“. Im Grunde ist das aber der Alltag jedes Menschen: Im Büro, im Geschäft, zu Hause mit der Familie — es gibt doch immer mehr als eine Aufgabe, der wir uns stellen (müssen). Und auch Koch wird sich in Zukunft nicht ausschließlich dem Schwerpunktprogramm widmen können, sondern auch noch seinen wissenschaftlichen und privaten Alltag meistern. Wie passend. Das Leben ist doch immer Multitasking. Und am Ende werden vor lauter Reizen und unerledigten Aufgaben Schlüssel oder Telefon verlegt — und im Kühlschrank gefunden.

Als Koordinator muss Koch mit den Kollegen Andrea Kiesel aus Würzburg und Hermann Müller aus Gießen nun nach Ausschreibung etwa 20 konkrete Forschungsprojekte zum Thema auswählen. Geforscht wird dann ab 2015, gewiss auch bei den RWTH-Psychologen, die fernab des Campus‘ in einem Altbau am Rande Burtscheids residieren.

Nicht weit entfernt ist eine Rheumaklinik, ältere Menschen sind in der Fußgängerzone unterwegs. Koch hat beobachtet, wie sie stehenbleiben, wenn sie sich unterhalten. Das ist auch gut so. Es verringert das Sturzrisiko. Denn schon Gehen und Reden sind zwei Aufgaben. Die Menschen müssten ihr Leistungsvermögen aufteilen — und ihre Aufmerksamkeit. Für alte Menschen kann alles andere schmerzhaft enden.

Es gibt durchaus erfolgreiche Modelle aus den 50ern, die versuchen, das Phänomen Multitasking zu beschreiben. Vieles ist überholt. „Wir müssen wohl manches theoretische Konzept über Bord werfen“, glaubt Koch. Die Zeit ist reif. Für eine Disziplin wie die Psychologie ist die DFG, die größte Forschungsförderungsorganisation für die Wissenschaft in Deutschland, dabei Geld und damit Gold wert. Denn wie auch in Geistes- oder Sozialwissenschaften gibt es kaum Drittmittel aus der Industrie, wie in Maschinenbau oder Elektrotechnik. Durch die DFG-Mittel des Schwerpunktprogrammes werden nun 15 und mehr Promotionen auf den Weg gebracht werden können. Die Forschung kann so beschleunigt werden.

Aussicht auf Verlängerung

Binnen drei Jahren gibt es rund fünf Millionen Euro. Dann besteht die Aussicht auf Verlängerung: Für weitere drei Jahre sind noch einmal etwas mehr als fünf Millionen Euro da. Das soll sich auszahlen. „Ich glaube an einen Durchbruch“, sagt Koch. Er war ein ganz junger Wissenschaftler, als er zum ersten Mal an einem Schwerpunktprogramm mitwirken durfte. Jetzt ist er Koordinator. „Ich hoffe, dass ich viel bewegen kann“, sagt er.

Und dann? (Mehr) Wissen ist gut, Ansätze für die Praxis sind besser. Wenn verstanden wird, wie sich die Aufmerksamkeit des Menschen teilt, dann lässt sich möglicherweise dort ansetzen — im Leistungssport oder bei Senioren, die unsicher unterwegs sind. „Langfristig soll diese Forschung in die Anwendung fließen“, sagt Koch. Und auf dem Weg dahin will er sich — natürlich — nicht unnötig ablenken lassen.

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