Aachen: Aachener Misereor-Chef Spiegel: „Bewusstseinswandel angestoßen“

Aachen : Aachener Misereor-Chef Spiegel: „Bewusstseinswandel angestoßen“

Misereor-Chef Pirmin Spiegel spricht im Interview mit Joachim Heinz über die Herausforderungen der Entwicklungshilfe in den kommenden Jahrzehnten.

Was hat Misereor in den vergangenen sechs Jahrzehnten geschafft - und wo muss Misereor „besser“ werden?

Pirmin Spiegel: Zusammen mit anderen Organisationen und Partnern weltweit ist es uns - wie ich finde - deutlich gelungen, einen Bewusstseinswandel anzustoßen, dass Nord und Süd nicht mehr getrennt voneinander betrachtet werden können. Dass wirtschaftliche, ökologische und soziale Fragen, dass unser Lebensmodell und die Ursachen von Armut und Ausgrenzung in einer globalisierten Welt immer miteinander zusammenhängen. Deutschland hat das Potenzial, zur Lösung globaler Krisen wie Klimawandel und Armut beizutragen, ist aber in dieser Hinsicht selbst ein „Entwicklungsland“: Gerade was die Verlagerung der Kosten für unsere Lebensweise auf andere Nationen und Menschen betrifft.

Können Sie Beispiele nennen?

Spiegel: Das gilt für den Abbau von Rohstoffen für unsere Autos oder Smartphones unter menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen genauso wie für den Klimawandel, den wir alle mitverantworten, unter dem derzeit aber vor allem die ärmere Bevölkerung im globalen Süden leidet.

Was folgt daraus für Misereor?

Spiegel: Stärker als in früheren Jahrzehnten steht für Misereor ein Entwicklungsansatz im Mittelpunkt, der an den Traditionen und Potenzialen der Begünstigten ansetzt. Wir unterstützen sie dabei, auf eigene Kräfte und Ideen zu vertrauen, und - wenn möglich - schnell von externer Förderung unabhängig zu werden. Das heißt aber auch, dass wir uns deutlich stärker als Bündnispartner sehen müssen. Hier sind wir selbst immer Lernende.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft von Entwicklungspolitik?

Spiegel: Entwicklungszusammenarbeit kann nur wirksam sein, wenn sie uns selbst einschließt und wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft übergreifend nach dem Grundsatz handeln: Nur gemeinsam mit den Menschen und unter Berücksichtigung ihrer Ideen, ihres Wissens und ihrer Potenziale können wir die Lebensverhältnisse in Ländern mit hoher Armutsquote verbessern.

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