Region: Aachener Ingenieur kommt mit Stahlseilen um die Welt

Region: Aachener Ingenieur kommt mit Stahlseilen um die Welt

Roland Verreet hat keine Angst vor großen Brocken. Ob Brooklyn Bridge in New York, die Schleusentore des Panama Kanals, der Eiffelturm in Paris oder Bohrinseln auf hoher See — all das fasziniert den weltweit anerkannten Experten für Stahlseile aus Aachen und weckt einen Ehrgeiz, der ihn sein Leben lang begleitet und zu Höchstleistungen angetrieben hat.

Zugleich liebt der 67-Jährige das Winzige, die Stille, verborgene Schönheiten aus Urzeiten des Lebens, „Foraminiferen“, Einzeller aus dem Meer, die er aus dem Sand der Strände gewinnt. Die Paläontologie, das Erforschen von Lebensformen, die bereits vor 560 Millionen Jahren existierten, entspannt ihn, wenn er keine Lust auf die Songs von Marius Müller-Westernhagen hat, in dessen Band er früher Schlagzeug gespielt hat.

Ob tonnenschweres Seil oder Wunder der Evolution — beiden Welten kommt er mit dem Elektronenmikroskop auf die Spur. „Inzwischen wollen die Fotos von den zarten, unglaublich vielschichtigen Strukturen der Foraminiferen sogar Kunstgalerien ausstellen“, lächelt der Mann, den seine Kunden und Kollegen gern den „Seilpapst“ nennen — auf Englisch klingt das Kompliment ein bisschen flotter: „The Rope Pope“.

Verreet reist mit Leidenschaft durch die Welt, um Stahlseil-Probleme zu lösen, die bei gigantischen Unternehmen ebenso gigantische Kosten bedeuten können. Er schult Mitarbeiter von Firmen zum Thema Drahtseil und bringt eigene Neuentwicklungen auf den Weg. Mit Ehefrau Regine — die beiden sind seit über 40 Jahren verheiratet — lebt Verreet in Aachen, hat zwei erwachsene Söhne (40 und 39 Jahre alt) und drei Enkelkinder, denen er bereits von seinem abenteuerlichen Leben zwischen Seilwinden und Kranen erzählt.

Mit einem Teleskop fing es an

Man kann ja nie wissen. Schließlich hat er selbst im Alter von elf Jahren ein Teleskop geschenkt bekommen. Wenn er heute daran denkt, war das die Grundlage für seinen Forscherdrang. Das Zuhause, in das er gern zurückkehrt, stärkt ihn. In Aachen hat er sein Ingenieurstudium absolviert, war danach zehn Jahre lang Technischer Direktor in einem Drahtseilwerk im Saarland — eine prägende Zeit. „Aber ich habe dort gemerkt, dass ich mein eigener Chef sein möchte“, sagt er.

Als er in Aachen ein Ingenieurbüro für Fördertechnik gründete, baute er aus, was ihn von Anfang an faszinierte: Drahtseilentwicklung, die Erforschung von Materialien, bei denen Verreet sich bald als Drahtseil-Detektiv mit nahezu futuristischer Ausrüstung erwies, individuelle Beratung und Expertentätigkeit vor Gericht übernahm. Eine 200-Quadratmeter-Halle, die der Ingenieur von einem Baustoffhändler mieten konnte, bot Raum für Experimente.

Inzwischen ist er Mitglied in allen Vereinigungen, die irgendetwas mit Drahtseilen zu tun haben, und doziert regelmäßig in den USA. So spricht er in diesem Jahr unter anderem bei der Vereinigung der US-Drahtseil-Hersteller vom 22. bis 25. April in der Nähe von Scottsdale im US-Bundesstaat Arizona über das Thema „Drahtseile: Von der Faser zum Stahl — und nun zurück zur Faser?“.

Seine Drahtseilseminare werden von Sydney bis Stavanger, von Düsseldorf bis Dubai, in London, Las Vegas, Berlin und Buenos Aires gebucht. Zu den Teilnehmern gehören Kranhersteller, Offshorebetreiber, Mitarbeiter von Bergbaugesellschaften sowie von Institutionen wie TÜV und Dekra, Lloyd’s Register oder dem Kennedy Space Center (Nasa).

Gemeinsame Arbeit mit Cartoonist

Und immer wieder gibt es etwas zum Schmunzeln, wenn er sein Wissen vermittelt, ein kleiner Trick des humorvollen Experten: Um trockene Sachverhalte amüsant zu vertiefen, hat Verreet irgendwann den Cartoonisten Rolf Bunse aus Aachen-Kornelimünster um Illustrationen gebeten. Ein „Dream-Team“ war geboren.

Bunses Alter Ego, ein schmaler, schweigsamer Typ mit Zigarette im Mund, erklärte in den Zeichnungen ab sofort Anzugträgern und Arbeitern mit Witz und Ironie, was so in Drahtseilen steckt oder was mit ihnen passieren kann. „Wir waren bald Freunde, leider ist er im vergangenen Jahr gestorben“, erzählt Verreet. Die Seil-Cartoons sind längst zum festen Bestandteil seines Infomaterials geworden — und bereits ein bisschen Kult.

Roland Verreet ist ein Einzelkämpfer. Ganz allein will er sich den Kopf zerbrechen, Risiken übernehmen, Auswege finden. Er ist ein Perfektionist, „gut genug ist nicht gut genug“ — das Motto, das schon seine beiden Jungs genervt hat.

„Ein kleines Detail zu übersehen kann ungeahnte Folgen haben, das wird unter Umständen teuer, deshalb bin ich lieber allein verantwortlich“, sagt er nachdenklich. Und er kennt sich aus, schließlich war er Gutachter bei einem Schadensfall in Höhe von 1,5 Milliarden Euro — ein Problem im Golf von Mexiko. Damals sind Hubseile eines Krans gerissen, der eine Tragkraft von 4000 Tonnen haben sollte.

Ob Schwergewicht oder Klaviersaite — alles interessiert ihn. Denn die Fragen bleiben irgendwie doch gleich: Wo liegen die Fehler? Warum kommt es zu Draht-, Litzen- oder Seilrissen? Stolz ist Verreet auf praktische Neuentwicklungen. Aber selbst produzieren? „Nein, wenn alles klar war, habe ich meine Patente stets verkauft, ich wollte lieber etwas Neues machen, frei für ganz unterschiedliche Aufgaben sein.“

Ein Leben für das Drahtseil — ein „Drahtseilakt“, bei dem Verreet beständig an der Balance arbeiten muss. Für Angst oder Zögern war nie Raum, eine Portion Adrenalin half dabei, selbst an unwirtlichen Orten stark und wach zu bleiben, einen klaren Kopf zu behalten, Ruhe zu bewahren.

Katapult des Space Mountain

Zu seinen prominentesten Kunden gehörte Euro Disney in Paris, wo er zusammen mit dem Ingenieur Jean-Marc Teissier das Katapult von Space Mountain entwickelt hat. „Niemand glaubte uns, dass ein derartiges Katapult mit Drahtseilen funktionieren könnte, weil hohe dynamische Kräfte auftreten, es war ja eine verrückte Idee“, erzählt er. „Doch es klappte! Inzwischen konnte man bereits über 100 Millionen Gäste in die Kuppel schießen. Mit einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern in weniger als zwei Sekunden. Das Katapult ist eine Attraktion.“

Auch an der Entwicklung der Pont Gustave Flaubert ist Verreet beteiligt. Die höchste Vertikal-Hebebrücke der Welt ist 670 Meter lang und 116 Meter breit. Sie überspannt die Seine und erlaubt Schiffen mit bis zu 55 Metern Höhe die Durchfahrt — dank der Stahlseilsysteme, die sie anheben und absenken.

Ehrenhaft und nahezu utopisch war eine andere Anfrage: Irgendwann meldete sich Bob Cabana, Direktor des Kennedy Space Centers. Die Nasa hatte Probleme mit einem ihrer Hebekräne, der zum Beladen der Raumfähre nötig war. Verreet reiste hin und fand den Fehler heraus. Er wird jedoch schweigsam, wenn er mehr erzählen soll, Nasa-Geheimnis. Urkunden, Fotos, eine Auszeichnung — man bedachte ihn mit ungewöhnlich großen Ehren.

Wenn Roland Verreet von seiner Arbeit erzählt, hört sich das alles eher leicht und selbstverständlich an. Doch es steckt zukunftsweisende Technik dahinter — und manche schlaflose Nacht. Die Arbeit mit Elektronenmikroskopen und 3D-Druckern ist für ihn selbstverständlich. Verreet hat zudem eine zwei- und dreidimensional analysierende Computersoftware entwickelt, mit deren Hilfe sich die Geometrie von Drahtseilen berechnen lässt. So konnte der Ingenieur bei der Inspektion der Seile, die die Aufzüge des 324 Meter hohen Eiffelturms halten, ein „magnetinduktives Prüfgerät“ einsetzen, das Seilabrieb und kritische Seilzonen aufspürt.

Der größte Landkran

Die Forschungen gehen weiter: Im Rahmen einer aufwendigen Metallographie werden bei Bedarf Seilquerschnitte oder Teile eines Drahtseils in Kunststoff gegossen, danach geschnitten und geschliffen. „Wir können Bruchkraft und Mikrohärte messen, sogar das Gewicht einer Zinkauflage“, berichtet Verreet. Mit dieser Methode hat sein Büro zum Beispiel festgestellt, warum die Halteseile einer Offshoreplattform gerissen waren: Man hatte sie bei der Herstellung zu starker Hitze ausgesetzt.

Oft hängen Menschenleben davon ab, wie genau Verreet arbeitet, das ist ihm bewusst, das ist eine Last, die er spürt. Und die bleibt unvermindert groß — wenn er etwa vom Terex Demag CC8800 Twin, dem größten Landkran der Erde, oder vom Schwimmkran Sapura 3000 erzählt. In beiden Fällen hat er dabei geholfen, die komplexen Einschersysteme zu optimieren. „Ich denke seit mehr als 40 Jahren über Drahtseile nach, da finde ich Muster“, meint Verreet. „Das kann wichtig sein.“

Aber wenn er nach dem kostbarsten Objekt seiner Sammlung gefragt wird, nimmt er ein dunkles, schweres gedrehtes Etwas zur Hand: ein Stück vom ältesten Drahtseil der Welt. Der Fund aus einem überschwemmten Stollen von Clausthal ist der kleine Rest jener Erfindung — das Albertseil, mit der Oberbergrat Wilhelm August Julius Albert in Clausthal den Bergbau revolutionierte (1834/1835). Er entwickelte „Treibseile aus geflochtenem Eisendraht“ und unternahm erste „Ermüdungsversuche“ an Maschinenelementen.

„Meine Frau hat es mir zum 50. Geburtstag geschenkt und bis heute nicht verraten, wie sie diese Rarität überhaupt bekommen hat“, lächelt Verreet. Ein paar Geheimnisse bleiben eben.

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