Aachen: Aachener Gynäkologe: „Diskussion über PID ist medizinisch absurd”

Aachen: Aachener Gynäkologe: „Diskussion über PID ist medizinisch absurd”

Wird mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) eine Entscheidung über lebenswertes und lebensunwertes Leben gefällt? Dies unterstellen Gegner dieser Methode wie der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder, der nicht glaubt, dass eine strikte Begrenzung der PID, mit der im Reagenzglas gezeugte Embryonen auf Erbkrankheiten untersucht werden können, möglich ist.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner verglich diese Methode sogar mit dem biblischen Kindermord des König Herodes. Die Deutsche Bischofskonferenz begründet ihre Forderung des PID-Verbots mit einem Rechtfertigungsdruck für behinderte Menschen.

Der Bundesgerichtshof in Leipzig hat im Juli 2010 entschieden, dass Embryonen außerhalb des Mutterleibs auf Erbkrankheiten untersucht und gegebenenfalls aussortiert werden dürfen. Das Gericht argumentiert, dass diese Methode in Deutschland gesetzlich nicht verboten ist. Der Bundestag als Gesetzgeber sieht daher für sich einen Handlungsbedarf.

Die Risikogruppe

Der CDU-Bundesparteitag hat sich vor wenigen Wochen mit überraschend knapper Mehrheit für ein Verbot der PID ausgesprochen. Prominente Christdemokraten wie der ehemalige CDU-Generalsekretär und evangelische Pfarrer Peter Hintze, Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen sind für PID in engen Grenzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) aus Aachen und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sind strikt dagegen.

Die Meinungen gehen quer durch die Fraktionen. Die Abstimmung im Bundestag über die PID soll ohne Fraktionszwang stattfinden. In einem Gruppenantrag, der von Ulla Schmidt und vom Aachener Bundestagsabgeordneten und Arzt Rudolf Henke (CDU) unterstützt wird, heißt es, Erfahrungen in anderen Ländern zeigten, dass eine begrenzte Zulassung für wenige Einzelfälle nicht möglich sei.

Dem widerspricht Joseph Neulen, Leiter der Klinik für gynäkologische Endokrinologie (Behandlung von Hormonstörungen, Reproduktionsmedizin) am Aachener Klinikum vehement. Der Medizinprofessor ist sicher, dass mit PID viel Leid für die betroffenen Eltern verhindert werden könne, und dass das Verfahren bei strikt geregelter Anwendung eben nicht geeignet sei, den ethischen Konsens zu überschreiten oder gar „Designerbabys” zu manipulieren. „Das sind nicht haltbare und nicht seriöse Vorwürfe.”

Er grenzt die Risikogruppe genau ein. Bei einer Frau, die bereits mehrere Fehlgeburten erlitten hat, kann die Ursache medizinisch geklärt werden. Neulen: „Es werden verschiedene Untersuchungen gemacht und hierbei auch genetische Hintergründe berücksichtigt.”

Wenn auf Grund solcher Untersuchungen bei den beteiligten Eltern klar sei, dass sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Embryo bilden und im Mutterleib einrichten würde, der nach wenigen Wochen als Fehlgeburt ende, sei es aus medizinischer Sicht nicht zu vertreten, die Frau mit diesen Schwangerschaftsrisiken zu belasten. Neulen: „Bei den gegebenen medizinischen Möglichkeiten ist es zynisch, dieser Patientin zu raten, es so oft anzugehen, bis eben ein gesunder Embryo entstanden ist. Mittels PID ein Kind mit bestimmten Kriterien des Aussehens oder der Intelligenz zu kreieren, ist nicht nur unsinnig, sondern technisch nicht machbar. Was Befürchtungen in diese Richtung angeht, gehören sie ins Reich der Science Fiction.”

Es geht in Deutschland um etwa 300 Paare pro Jahr, die nach erlittenen Fehlgeburten oder einem bereits geborenen schwerst behinderten Kind mit genetisch feststellbaren Veränderungen den Weg einer PID gehen wollen, um ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. „Alles andere hat mit PID überhaupt nichts zu tun.” Werde bei der Untersuchung festgestellt, dass das Kind behindert sein würde, müssten diese Eltern entscheiden, was getan werden soll. „Diese Entscheidung kann ihnen niemand abnehmen - weder der Gesetzgeber noch Ärzte.”

Joseph Neulen weist auf den Paragraphen 218 hin, der bei entsprechender Konstellation nach ärztlicher und sozialer Beratung einen Schwangerschaftsabbruch bis zur 22. Woche straffrei stellt. „Dann entscheiden die Eltern oder die Frau, ob das Kind ausgetragen werden soll oder nicht. Die PID würde diese Entscheidung früher möglich machen.” Es gebe keinen Sinn, die Regelung des Paragraphen 218 gesetzlich zu garantieren und PID zu verbieten. „Wer PID verbietet, akzeptiert, dass sich ein Embryo einnistet, der als Fehlgeburt endet oder straffrei später abgetrieben wird.”

Dammbrüche habe es im Ausland nicht gegeben, sagt Neulen, nicht in den Niederlanden, nicht in Frankreich, Spanien oder Großbritannien. Er lehnt die großzügige Regelung in Belgien jedoch entschieden ab. „Belgien hat keine Begrenzungen, dort kann alles gemacht werden, was die Technik hergibt, zum Beispiel die Wahl zwischen einem Jungen oder Mädchen. Das ist ethisch nach unserer Vorstellung nicht zu akzeptieren.”

Der Weg ins Ausland

Für ihn sei alleine eine Frage entscheidend: Ist es zumutbar, eine Schwangerschaft zu beginnen, die mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zum Erfolg, sondern zu einer Fehlgeburt führt? Schon die Frage, ob ein schwerstbehindertes Kind zumutbar sei oder nicht, ist für ihn ausschließlich eine Entscheidung der Eltern oder der Familie. „Was geschieht, wenn es ein genetisches Problem gibt, man aber gerne ein zweites Kind hätte?” Diese Situation könnten Außenstehende kaum nachvollziehen.

Neulen: „Nicht Betroffene können sich nicht vorstellen, was in solchen Familien wirklich los ist. Theoretische Abhandlungen über diese Situationen zeigen nur, dass die Ausführenden glücklicherweise nicht mit der Not solcher Paare konfrontiert sind.” Es sei nicht nachvollziehbar, dass nach der Formulierung des Paragraphen 218 von einigen Politikern jetzt wieder im Zusammenhang mit der PID eine unselige Diskussion über lebenswert und lebensunwert angeregt werde. „Eine solche Diskussion ist medizinisch im Zusammenhang mit PID absurd.”

Ein Verbot werde dazu führen, so Neulen weiter, dass betroffene deutsche Eltern weiterhin ins Ausland gingen. Den Vorwurf, die deutschen Gynäkologen sähen nur ein gutes Geschäft, weist er zurück: „Mit 300 Fällen pro Jahr bundesweit lässt sich kein großer Reibach machen. Dieser Vorwurf ist geschmacklos”.

In Deutschland weder erlaubt noch verboten

Mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik (PID) sollen Fehl- und Totgeburten, der Tod des Neugeborenen oder die Geburt eines schwer kranken Kindes vermieden werden. Zeigt sich eine mögliche Erbkrankheit oder Chromosomendefekt, wird der Embryo gegebenenfalls nicht in den Mutterleib eingesetzt. Dafür werden dem mindestens vier Tage alten Embryo einige wenige Zellen entnommen. Deren Erbgut wird untersucht auf einzelne veränderte Gene, die zum Beispiel für Muskelschwund, Stoffwechsel- und Lungenkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.

Anders als in den Niederlanden, Dänemark oder Frankreich gibt es in Deutschland bisher kein Gesetz, dass PID erlaubt oder verbietet. Das Embryonenschutzgesetz von 1991 erwähnt das Verfahren nicht, es war damals in Deutschland noch nicht verfügbar. Im Juni 2010 entschied der Bundesgerichtshof in Leipzig, dass Gentests an Embryonen, die im Reagenzglas gezeugt wurden, erlaubt sind. Zuvor hatte das ein Arzt bei drei Paaren mit Vorbelastungen ausgeführt. Danach zeigte er sich selbst an, um Rechtssicherheit zu erzwingen.