Aachener Generalvikar Frick über Versagen in der katholischen Kirche

Interview mit dem Aachener Generalvikar : Wut über das Versagen in der katholischen Kirche

Generalvikar Andreas Frick spricht über Konsequenzen des Bistums aus dem Missbrauchsskandal und Kritik an seinem Führungsstil. Er spricht auch über seine Haltung zum Zölibat, bei dem es durchaus Spielraum gibt.

Die katholische Kirche kommt nicht zur Ruhe. Nahezu in jedem Bistum wird heftig diskutiert über das eigene Versagen in einer unüberschaubaren Zahl von Fällen sexuellen Missbrauchs und über die Konsequenzen, die aus diesem Skandal zu ziehen sind.

Im Bistum Aachen sorgt der von Bischof Helmut Dieser initiierte Gesprächs- und Veränderungsprozess für zusätzliche Aufmerksamkeit, gleichzeitig aber auch das anhaltende Unbehagen unter Priestern und hauptamtlichen Laien über den als autokratisch und nicht kommunikativ empfundenen Führungsstil der Bistumsspitze.

Aktuell entzündet sich die Kritik aus der Priesterschaft am angekündigten Rücktritt des Leiters der Hauptabteilung Pastoralpersonal, Alfred Etheber, der hohes Ansehen unter seinen Mitbrüdern und im Generalvikariat genießt, aber nach nur eineinhalb Jahren in diesem Amt auf eigenen Wunsch ausscheidet. Etheber selbst wollte auf Anfrage unserer Zeitung keine Stellungnahme abgeben.

Generalvikar Andreas Frick beantwortet im Interview die Fragen unserer Redakteure Christoph Pauli und Peter Pappert zu Konsequenzen des Missbrauchsskandals und zur Amtsaufgabe Ethebers.

Das Bistum Aachen hat für die Missbrauchsstudie 886 Personalakten und 64 Anträge auf „Anerkennung des Leids“ im Zeitraum von 1934 bis 2016 ausgewertet. 55 Personen wurden als Täter beschuldigt. 86 Kinder und Jugendliche sind von den Taten betroffen. Nur bei 22 der Beschuldigten wurde dies in der Personalakte vermerkt. Insgesamt wurden 26 Strafanzeigen gestellt. Gegen zehn Beschuldigte gab es seitens des Bistums Sanktionen bis hin zur Entlassung aus dem Klerikerstand. 320 000 Euro wurden an Betroffene als Anerkennungsleistung ausgezahlt. Wie sieht Ihre Aufarbeitung zwei Monate nach der Veröffentlichung der Studie aus?

Andreas Frick: Wir haben die Stelle „Systematische Aufarbeitung der MHG-Studie“ seit dem 1. Dezember im Generalvikariat eingerichtet und besetzt. Die Referentin handelt weisungsunabhängig vom Generalvikar, bekommt alle Daten und soll sich auch mit anderen Diözesen vernetzen, die die Studie aufarbeiten.

Es muss entschieden werden, ob in allen vorliegenden Fällen die Verjährung eingesetzt hat. Wer bewertet das?

Frick: Wir erstatten selbst Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft, wenn es einen plausiblen Verdacht gibt. Im Laufe der letzten Jahre hat es allerdings viele Fälle gegeben, die sich nicht mehr eindeutig aufarbeiten ließen. Manchmal war der beschuldigte Priester schon gestorben, oder die Betroffenen konnten nach vielen Jahren keine konkreten Hinweise mehr machen, wer ihnen Leid zugefügt hat. Das macht es für staatliche Behörden schwierig. Dennoch empfehlen wir natürlich jedem Betroffenen, Anzeige bei uns oder den staatlichen Stellen zu stellen.

Gibt es weitere Konsequenzen?

Frick: Wir prüfen derzeit, wie wir unsere Personalakten aufarbeiten müssen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat beschlossen, dass dies nach einheitlichen Standards geschehen soll. Es steht aber noch die Entscheidung aus, ob wir zum Beispiel nur die Akten der noch lebenden Priester überarbeiten oder ob es eine große historische Arbeit für die ganze Bistumsgeschichte werden soll.

Generalvikar Andreas Frick: „Macht und Vertrauensverhältnisse wurden ausgenutzt, um eine enge Beziehung zu Menschen aufzubauen und sie dann zu missbrauchen. Das ist unerträglich.“. Foto: ZVA/HARALD KROEMER

Wie reagiert das Bistum auf die Missbrauchsvorwürfe?

Frick: Wir sagen in allen Fällen: null Toleranz. Wenn zum Beispiel ein pädophil veranlagter Priester verurteilt wurde, sehen wir keine weitere Einsatzmöglichkeit mehr. In meiner jetzt fast vierjährigen Amtszeit ist allerdings kein weiterer Fall mehr aufgetreten.

Vor Ihrem Amtsantritt gab es ein Urteil am 12. September 2014: Ein Kaplan im Bistum hat in zwei Fällen kinderpornografische Dateien verbreitet, zudem besaß er 184 kinder- und 275 jugendpornografische Dateien. Er wurde zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Monaten auf Bewährung verurteilt; zudem wurde Geldbuße und Therapieauflage verhängt. Was wurde aus ihm?

Frick: Es gab nach dem Bewährungsurteil einen Prüfauftrag an die zuständige Stelle im Vatikan, die nicht dafür votiert hat, ihn dauerhaft aus dem priesterlichen Dienst zu entfernen. Seine Bewährungszeit läuft noch, er hat keinen bischöflichen Auftrag, keinen Kontakt zu Jugendlichen. Er ist einem Trappistinnenkloster angeschlossen. Ich sehe nicht, dass er noch einmal in einem priesterlichen Umfeld eingesetzt wird.

Die Macher der Studie gehen davon aus, dass sie nur die Spitze des Eisbergs entdeckt haben.

Frick: Wir müssen davon ausgehen, dass sich nicht alle Betroffene der letzten Jahrzehnte bei uns oder den ermittelnden Behörden gemeldet haben. Die Dunkelziffer wird deutlich höher sein.

Im Bistum wurde nicht einmal bei der Hälfte der Beschuldigten ein Eintrag in der Personalakte gefunden. Das klingt nach systematischer Vertuschung.

Frick: Es gibt Fälle, in denen der Missbrauch vorgetragen und gleichzeitig die Bitte geäußert wurde, dass es keine Konsequenzen hat. Das ist heute ein nicht mehr zu tolerierendes Verfahren, kam früher aber häufiger vor. Personalverantwortliche im Bistum haben aus heutiger Sicht die falsche Entscheidung getroffen. Und es gibt Fälle, von denen wir nichts gewusst haben. Gerade hat sich jemand in einem sehr hohen Alter gemeldet, der uns von Missbrauch in den Kriegsjahren erzählt. Das müssen wir jetzt  aufarbeiten. Wir können das Dunkelfeld nicht richtig abschätzen.

Bisher gewährt die Kirche auf Antrag lediglich eine sogenannte „Materielle Leistung in Anerkennung des Leids“ von durchschnittlich 3000 Euro, weil sie sich nicht für die Taten selbst verantwortlich fühlt, sondern lediglich anerkennt, dass dem Opfer durch den Täter Unrecht widerfahren ist. Halten Sie das für angemessen?

Frick: Die Zahl ist der Bundesdurchschnitt, die Einzelzahlungen sind teilweise deutlich höher. Im Bistum liegt der Schnitt bei mehr als 4000 Euro. Die Opfer haben so unermessliches Leid erfahren, das sich nie durch ein Schmerzensgeld heilen lässt. Das Geld reicht meistens nicht einmal aus, notwendige Therapiekosten zu decken. Bisher sind die Zahlungen von dem Grundsatz ausgegangen, dass der Täter selbst haftet. Aber wir müssen sehen, dass viele bereits gestorben sind. Es wäre eine angemessene Solidarleistung der Kirche nun zu sagen, wir versuchen zumindest zeichenhaft diese Lücke zu schließen.

Wie sind die Reaktionen auf die Missbrauchsstudie? Spüren Sie den Vertrauensverlust? Wird der Aufklärungswille begrüßt?

Frick: Wir haben eine neue Etappe begonnen. Ich kann nur um Vertrauen werben. Leute, die heute Verantwortung tragen, haben den Mut, sich den schmerzlichen Erkenntnissen zu stellen. Es ist ein Wendepunkt, an dem wir grundsätzliche Fragen mit neuer Offenheit besprechen können. Ich verstehe und bedauere aber, dass uns einige längst abgeschrieben haben. Auch die haben wir im Blick und wollen sie zurückgewinnen. Wir wollen auch in Zukunft ein wichtiger Player in der Gesellschaft sein.

Sie sprechen von einer neuen Etappe und neuer Offenheit in der Diskussion grundsätzlicher Fragen. Was heißt das? Die Missbrauchsstudie nennt die Machtstrukturen in der katholischen Kirche als einen Grund für die Vielzahl von Fällen sexuellen Missbrauchs. Sehen Sie das auch? Und welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Frick: Es gibt mehrere Ursachen für Missbrauch – zum Beispiel unreife Persönlichkeitsstrukturen. Macht und Vertrauensverhältnisse wurden ausgenutzt, um eine enge Beziehung zu Menschen aufzubauen und sie dann zu missbrauchen – systematisch und mit Vorsatz. Das ist unerträglich. Wenn ein Seelsorger seine Glaubwürdigkeit und seinen Auftrag so beschädigt, ist das eine Katastrophe für alle Priester, weil auch alle anderen dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Dieser ideelle Schaden macht mich wütend.

„Unreife Persönlichkeitsstrukturen“ sagen Sie. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller fordert „tabuloses, ehrliches Sprechen über Homosexualität“. Und er fährt fort: „Es gibt immer noch die Norm in der Ordnung für die Priesterausbildung, dass homosexuelle Priesteramtskandidaten nicht zur Weihe zugelassen werden dürfen. Was machen die also? Sie versuchen in den fünf Jahren im Seminar alles, um ihre Orientierung zu kaschieren. So ist ein natürlicher Zugang zur eigenen Sexualität gar nicht möglich.“ Teilen Sie diese Ansicht?

Frick: Alle Priesteramtskandidaten des Bistums Aachen können und sollen sich ohne Angst über ihre sexuellen Orientierungen und Bedürfnisse bewusst werden, bevor sie eine Entscheidung für ihr gesamtes künftiges Leben treffen. Alles andere hat keinen Sinn. Das gilt nicht nur für Homosexuelle, das gilt für das Zölibatsversprechen insgesamt. Wir müssen wissen, worauf wir verzichten, was uns das kostet und wie wir gesund leben können.

Lassen Sie uns über diese beiden Punkte sprechen. In der Missbrauchsstudie heißt es: „Die grundsätzlich ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Weihe homosexueller Männer ist dringend zu überdenken.“ Teilen Sie diese Auffassung?

Frick: Das wird auf weltkirchlicher Ebene derzeit intensiv diskutiert. Papst Franziskus macht sich stark dafür, dass es in der Weltkirche keine Diskriminierung von Homosexuellen gibt. Das ist ganz klar. Wenn jemand feststellt, dass er sein Zölibatsversprechen nicht mehr halten kann, dass er nicht mehr überzeugt Priester sein kann, muss er versöhnt und ohne Gesichtsverlust gehen können.

Die Frage ist aber, ob Sie befürworten, homosexuelle Männer zu Priestern zu weihen?

Frick: Darüber tauschen sich die Bischöfe aus. Viele Kandidaten haben, bevor sie sich bei uns melden, abschließend nicht darüber nachgedacht, ob und wie lebenslanges zölibatäres Leben gelingen kann. Kann ein homosexueller Mann glaubwürdig Priester sein? Sicher nur, wenn er enthaltsam lebt, wenn er sich ganz in die Seelsorge und Verkündigung stellt, ohne sein Schwulsein ständig zu thematisieren.

Die Missbrauchsstudie sagt, dass genau das – die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse, der Zwang, enthaltsam zu leben – eine Ursache für Missbrauch sein kann.

Frick: Diese Gefahr kann sich laut Studie ergeben, aber es gibt keinen zwingenden Zusammenhang.

Stichwort Zölibat: Ihr Essener Amtskollege Pfeffer hat Sympathie für die Forderung nach Abschaffung des Zölibats und fordert, „offen über die gleichrangige Beteiligung von Frauen an allen Ämtern und Aufgaben in der Kirche“ zu reden. Stimmen Sie ihm zu?

Frick: Der Zölibat ist eine dem Evangelium gemäße Lebensform, eine radikale Ausdrucksform, aufs Ganze zu gehen.

Ist die Abschaffung des Pflichtzölibats für Sie eine Option?

Frick: In den Ostkirchen und unter den von der anglikanischen Kirche zu uns übergetretenen Priestern sind verheiratete Priester. Es gibt sie also schon in der katholischen Kirche. Da ist Spielraum. Aber das ehelose Leben passt am besten zum Priestertum.

Was ist mit der „gleichrangigen Beteiligung von Frauen an allen Ämtern und Aufgaben in der Kirche“? Konkret: Können, sollen Frauen Priester werden?

Frick: Das Diakonat der Frau gab es in der Frühphase der Kirche; darüber gibt es theologisch weit fortgeschrittene Diskussionen. Der Papst hat eine Kommission eingesetzt, in der diese Frage diskutiert wird. Ergebnisse gibt es aber noch nicht. In der Frage halte ich eine Veränderung der heutigen Praxis für möglich. In den anderen Fragen sehe ich hohe kirchenrechtliche und dogmatische Hürden.

Sie werden ab 1. Januar im Generalvikariat zusätzlich die Hauptabteilung Pastoralpersonal leiten, weil Alfred Etheber diese Leitungsaufgabe nach nur eineinhalb Jahren abgibt. Warum konnten Sie ihn nicht halten?

Frick: Er scheidet auf eigenen Wunsch aus. Das bedauern wir sehr, weil er vom Bischof bis zu den pastoralen Mitarbeitern großes Ansehen genießt. Aber wir müssen seine persönlichen Gründe respektieren.

Er selbst hat an die Priester, Diakone und Gemeindereferenten im Bistum geschrieben, „dass die Leitungsaufgabe für die Personalarbeit mit dem pastoralen Personal im Bistum Aachen ein anderes Profil braucht, als ich es mitbringe“. Welches Profil ist denn dafür nötig, das er nach eigener Aussage nicht hat?

Frick: Er hat alles, was man dafür braucht. Deshalb war ich sehr froh, dass er diese Aufgabe übernommen hatte.

Im Priesterrat ist die Nachricht mit großer Betroffenheit aufgenommen worden. Wie haben Sie die Reaktionen empfunden?

Frick: Herr Dr. Etheber verfügt über großes Vertrauen. Deshalb kann ich die Enttäuschung und Traurigkeit über sein Ausscheiden sehr gut nachvollziehen.

Aus vielen Gesprächen darüber mit Priestern im Bistum ergibt sich, dass die Amtsaufgabe von Herrn Dr. Etheber als Zäsur empfunden wird und als deutlicher Beleg dafür, dass im Bistum nicht mehr wie über viele Jahre und Jahrzehnte kollegial, sondern top down – von oben nach unten – entschieden und gehandelt wird. Das wird sehr kritisch angemerkt. Stellen Sie sich dieser Kritik? Können Sie die nachvollziehen?

Frick: Dass der Weggang von Herrn Dr. Etheber zu solchen Spekulationen führt, nehme ich betroffen zur Kenntnis, kann es aber nicht nachvollziehen.

Diese Kritik entzündet sich nicht nur an dem Ausscheiden von Herrn Dr. Etheber. Kritik am neuen Führungsstil im Bistum gibt es schon länger. Der Vorwurf lautet: Unter den Vorgängern von Bischof Dieser sei das Bistum kollegial geführt worden; das habe sich deutlich geändert.

Frick: Das ist eine Behauptung, die ich nicht teilen kann. Wir investieren viel Zeit in verschiedene Diskussionsrunden, um Fragen entscheidungsreif zu machen. Es wird dabei offen, engagiert und vorbehaltlos gesprochen. Ich kenne diese Kritik, nehme sie mit Bedauern zur Kenntnis, aber ich teile sie nicht. Denken Sie nur an unseren Gesprächs- und Veränderungsprozess „Heute bei Dir“, an die großen Themenforen in den letzten Wochen. Da gibt es auch viel Kritik, die wir aufnehmen und besprechen; da wird nichts unter der Decke gehalten. Ich erlebe eine völlig andere Wirklichkeit, eine offene Kritik- und Konfliktkultur. Und die brauchen wir auch.

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