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Aachen: Aachener Fotografin schenkt trauernden Eltern wichtige Erinnerungen

Aachen : Aachener Fotografin schenkt trauernden Eltern wichtige Erinnerungen

Wenn Astrid Ebert ihre Digitalkamera auf ein neugeborenes Kind richtet, dann liegt ihr Fokus auf dem Detail. Das Füßchen in der Nahaufnahme. Die kleinen Finger. Die Stupsnase. Die Blende ihrer Kamera lässt sie dann weit geöffnet, damit sich der Großteil des Bildes in der Unschärfe verliert. Anders seien die Motive für die Eltern oft kaum zu ertragen.

Denn wenn die 50-Jährige alarmiert wird, dann ist ein Leben schon vorbei noch bevor es begonnen hat. Astrid Ebert ist Sternenkind-Fotografin. Als solche ist sie eine von 13 Profi- und Hobbyfotografen, die in der Region Kinder ablichten, die tot geboren wurden oder kurz nach der Entbindung sterben — sogenannte Sternenkinder.

 Wenn das erste Foto das letzte ist: Dieser Vater, den „Hope’s Angel“-Gründerin Birgit Rutz, abgelichtet hat, ist stolz auf diese greifbaren Erinnerungen an sein Sternenkind.
Wenn das erste Foto das letzte ist: Dieser Vater, den „Hope’s Angel“-Gründerin Birgit Rutz, abgelichtet hat, ist stolz auf diese greifbaren Erinnerungen an sein Sternenkind. Foto: Birgit Rutz

Oft sind es Frühgeburten. Bundesweit sind rund 600 Sternenkind-Fotografen im Einsatz. Mit ihren Bildern wollen sie greifbare Erinnerungen schaffen und Eltern damit durch die Trauerzeit helfen. Ehrenamtlich. Für die Eltern ist das Angebot kostenlos. Verbunden sind die Fotografen über die Organisationen „Hope’s Angel“ oder „Dein Sternenkind“.

Stellt ehrenamtlich Fotos her, die nur schwer zu ertragen sind: die Aachener Fotografin Astrid Ebert.
Stellt ehrenamtlich Fotos her, die nur schwer zu ertragen sind: die Aachener Fotografin Astrid Ebert. Foto: Andreas Herrmann

„Völlig unvorbereitet“

Über sie können betroffene Eltern, Angehörige, Ärzte oder auch Hebammen bei Bedarf einen Fotografen anfordern. Die Männer und Frauen werden entweder direkt telefonisch oder auch über eine App auf ihrem Smartphone alarmiert. Und können dann entscheiden, ob sie den Einsatz annehmen.

Dass an der Aachener Uniklinik immer häufiger Sternenkinder professionell und vor allem würdevoll abgelichtet werden, ist maßgeblich auf Astrid Ebert zurückzuführen. Zwar werden alle Sternenkinder von einem Hausfotografen fotografiert — für die Akte. „Doch diese Bilder sind nicht schön“, sie sind nichts, womit trauernde Eltern ihrer Kinder gedenken wollen, sagt Ebert, die als psychologisch-technische Assistentin an der Uniklinik zum Teil auch in der Gynäkologie arbeitet und zudem seit 2012 als Familien- und Hochzeitsfotografin tätig ist.

Aus persönlicher Erfahrung weiß sie: „Man kann nur schwer von etwas Abschied nehmen, das man nicht gesehen hat und was nicht greifbar ist.“ Somit habe sie sich vor vier Jahren selbst als Sternenkind-Fotografin angeboten. Wohl wissend, dass diese Tätigkeit durchaus an die Substanz gehen kann. Und dennoch mit der tiefen Überzeugung, dass Bilder zu den wichtigsten Erinnerungsstücken gehören, die man haben kann.

Der erste Anruf habe sie dennoch „völlig unvorbereitet“ getroffen. Ein Kind war gestorben, vielleicht in der 20. Schwangerschaftswoche. An dieses Detail erinnert sich Ebert nicht mehr. Doch sie weiß noch ganz genau, wie sie die Eltern im Kreißsaal kennenlernte und zunächst noch nach Hause fahren musste, um ihre Kamera zu holen. Zurück im Kreißsaal habe sie mit den Eltern geweint, aber auch gelacht.

„Es war schlimm, aber auch gut“, sagt Ebert rückblickend, wohl wissend, dass eine solche Erfahrung ohne Vorbereitung für einen Fotografen auch traumatisierend sein kann. Heute wahrt sie bei ihrer Arbeit eine professionelle Distanz. Und weiß auch, dass es wichtig und richtig ist, einen Einsatz auch mal abzulehnen — aus Selbstschutz. Damit sich die Perspektive nicht verzerrt.

Existenz durch Fotos

War die Aachenerin das erste Jahr noch allein im Einsatz, koordiniert sie in der Städteregion Aachen für „Hope’s Angel“ mittlerweile ein Team von bis zu neun Männern und Frauen. Der Ablauf ist fest vereinbart: In der Uniklinik ist Eberts Handynummer bei den Hebammen hinterlegt. Wenn sie den Einsatz nicht selbst übernehmen kann oder will, organisiert sie einen Kollegen. Und das durchschnittlich ein Mal pro Woche.

Wie man Sternenkinder stilvoll fotografiert, und vor allem wie man sich selbst von der unerträglichen Situation abgrenzt, haben die Fotografen, die im Namen von „Hope’s Angel“ unterwegs sind, in Fortbildungen bei Birgit Rutz gelernt. Die Sterbe- und Trauerbegleiterin aus Sankt Augustin, die sowohl in der Uniklinik Aachen als auch im Krankenhaus Heinsberg Eltern begleitet hat, gründete „Hope’s Angel“ im Jahr 2015.

Die Initiative vermittelt nicht nur Fotografen, sondern bietet auch darüber hinaus Unterstützung für Familien und Fachkräfte. „Erinnerungen tragen uns durch die Trauerzeit“, betont Rutz. Hier setzten die Sternenkind-Fotografen an. „Wir müssen Existenz schaffen durch Fotos.“ Schließlich fotografiere man nicht den Tod, sondern das Kind der Eltern und die Liebe der Eltern zu ihrem Kind.

Auch Ebert weiß, wie schwer dieser Verlust wiegt. Mit 24 Jahren erlitt sie in der 12. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt. Die Trauer, die sie damals verspürte, habe nicht jeder nachempfinden können. Von einem „Zellklumpen“ sei die Rede gewesen. Und dass sie ja noch jung sei und weitere Kinder bekommen könne. Hat sie auch. Zwei gesunde Kinder, eine Tochter und einen Sohn. „Doch darum geht es nicht. Egal, ob man das Kind in der 10. Woche oder bei der Geburt verliert: Man hat sich auf dieses Baby gefreut und geht dann ohne Kind nach Hause.“

Auch deshalb müsse das Thema aus der Tabuzone geholt werden. Denn die Zahl der Betroffenen ist groß. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes werden jedes Jahr rund 3000 Kinder tot geboren. Tatsächlich dürfte die Zahl der Sternenkinder noch deutlich höher ausfallen. Statistisch erfasst werden nur Totgeburten ab einem Gewicht von 500 Gramm.

Erst seit 2013 können in Deutschland Kinder unterhalb dieser Gewichtsgrenze standesamtlich eingetragen und damit als Person anerkannt und bestattet werden. Auch heute noch beobachtet Ebert immer wieder, dass Müttern und Vätern die Trauer um das kurze Leben ihrer Tochter oder ihres Sohnes nicht zugestanden wird.

Der Beleg für die Existenz einiger dieser Sternenkinder ist auf Eberts Festplatte archiviert. Knapp 50 gestorbene Babys, meistens im Alter von 16 bis 25 Wochen, habe sie mittlerweile fotografiert. Manchmal zusammen mit den Eltern, häufig allein in einem kleinen Körbchen oder auf einer weißen Decke liegend. Und jedes für sich „absolut perfekt“. Die Fotos schickt sie den Eltern — stets nach telefonischer Ankündigung — per Post auf einer CD und als Schwarz-Weiß-Ausdruck in einer kleinen Kiste.

„Es ist wichtig, dass die Eltern selbst entscheiden, wann sie die Bilder sehen wollen.“ Selbst wenn sie nie dafür bereit sein sollten. Für die schmerzenden Details einer kleinen Hand oder einer Stupsnase. Für Bilder, die schwer zu erstellen und anzusehen sind. Die aber in der Trauer zum wichtigsten Begleiter werden können.