Aachener Bäckerei Oebel stellt Insolvenzantrag - 170 Filialen in NRW

Am Freitag soll wieder geöffnet werden : Aachener Bäckereikette Oebel schließt die Pforten. Vorerst.

Auf der Homepage der Bäckerei Oebel geht es bei den letzten Eintragungen um eine „Neueröffnung“ einer Filiale in Neuss, einen „Preis für langjährige Produktqualität“, oder die Partnerschaft beim Krimifestival „Criminale 2019 Aachen“. Zu der am Dienstag angemeldeten Insolvenz gibt es dagegen keine Information.

Die Folgen dieses Schritts waren auch ohne digitale Bekanntmachung schnell sichtbar. Viele der etwa 170 Filialen in NRW wurden nicht mehr beliefert und schlossen (vorübergehend) ihre Türen. Ohne Ware keine Auslage.

Die fast 1000 Mitarbeiter wurden am Mittwoch an unterschiedlichen Standorten über die neue schwierige Situation unterrichtet. Über einen Betriebsrat verfügt das Unternehmen nicht, sagt Diana Hafke, Aachener Geschäftsführerin der zuständigen Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). „Das ist bei einem reinem Filialgeschäft schwierig umzusetzen.“

Das Aachener Amtsgericht berief Dr. Dirk Wegener von der Bonner Wirtschaftskanzlei dhpg zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Seine Sprecherin teilte mit, dass die Oebel-Geschäftsführung beabsichtige, den Betrieb in Abstimmung mit dem Insolvenzverwalter und den Gläubigervertretern in den kommenden Wochen fortzuführen „und zugleich, Sanierungschancen auszuloten“. Insolvenzanträge wurden für alle sechs Gesellschaften der Unternehmensgruppe gestellt. Am Freitag sollen die Filialen wieder geöffnet werden – die Ware soll dann von einem neuen Lieferanten kommen.

Im Kammerbezirk Aachen, zu dem die Stadt Aachen, die Städteregion Aachen und die Kreise Düren, Euskirchen und Heinsberg gehören, sinken sowohl die Zahl der Bäckereien als auch die Zahl der Mitarbeiter seit Jahren. 2010 wurden noch 240 Betriebe mit etwa 6400 Mitarbeitern registriert, Ende 2016 waren es noch 154 Betriebe mit 5933 Mitarbeitern. Aus Sicht des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks setzt sich der in den 50er Jahren eingesetzte Konzentrationsprozess in der Branche weiter fort. Damals gab es überwiegend kleine Familienbetriebe, in denen der Verkauf an die Backstube angeschlossen war. „So geht der Trend heute vermehrt zu zentralen Produktionsstätten mit einem lokalen oder regionalen Netz von Verkaufsstellen“, sagt die Sprecherin, Meike Bennewitz. Häufig würden Meisterbetriebe übernommen und in das Filialnetz einer größeren Bäckerei eingegliedert, wenn der frühere Besitzer in den Ruhestand gehe. Eine „Pleitewelle“ sieht der Dachverband allerdings nicht. „Es gibt in jedem Jahr Insolvenzen, aber auch Übergaben und Neugründungen.“

Viele Kunden würden bis kurz vor Geschäftsschluss ein volles Sortiment an Backwaren erwarten, was kleine Betriebe wirtschaftlich vor Herausforderungen stelle. Dazu kämen die billigen Preise der industriell hergestellten Backwaren beim Discounter oder Supermarkt, bei denen Handwerksbäcker aufgrund des hohen Personaleinsatzes meist nicht mithalten könnten. „Bei diesem Strukturwandel unterscheidet sich das Bäckerhandwerk übrigens auch nicht grundlegend von anderen Branchen wie etwa dem Buchhandel.“

Auch in der Aachener Kleinmarschierstraße gingen am Mittwoch keine Backwaren über den Tresen. Foto: ZVA/Harald Krömer

Welche Auswirkungen die nächste Insolvenz in der Backbranche für das Traditionsunternehmen Kronenbrot hat, dazu wollte sich der vorläufige Insolvenzverwalter Biner Bähr nicht äußern. Oebel gehörte neben der Aldi-Gruppe bislang zu den größeren Abnehmern der Würselener Großbäckerei. Das Unternehmen sucht nach einer Perspektive, der Insolvenzverwalter nach neuen Investoren. Schon im vergangenen Jahr wurde in der Kronenbrot-Zentrale nach Informationen unserer Zeitung durchgerechnet, was ein Zahlungsausfall von Oebel für die eigenen Umsätze, Deckungsbeiträge und Auslastung bedeuten würde.

So bleibt die Stimmung am Würselner Standort von Kronenbrot ziemlich angespannt, berichten Mitarbeiter. Per Rundmail hat die NGG vorsorglich informiert, wie sich die Mitarbeiter in Zeiten der Insolvenz verhalten sollen. Parallel dazu haben Betriebsleitung und Betriebsrat mit einem Aushang zu einem großen Putztag aufgerufen. Zwar ist ein Reinigungsunternehmen im Betrieb, aber zuletzt hatte das Amt für Lebensmittelüberwachung erhebliche Mängel notiert.

Am Samstag nun soll die Firmenzentrale in Würselen zwischen 8 und 18 Uhr auf Vordermann gebracht. Die Teilnahme ist freiwillig, die Arbeitszeit wird vergütet, für Verpflegung ist gesorgt. Im Aushang steht der Appell: „Sei Teil eines neuen ‚Wir-sind-Kronenbrot-Gefühls’.“ Und weiter: „Lass uns gemeinsam den Karren aus dem Dreck ziehen und die Braut hübsch machen. Wir setzen auf Deine Unterstützung.“