Düsseldorf/Frankfurt: „Aachen ist die negative Blaupause“

Düsseldorf/Frankfurt: „Aachen ist die negative Blaupause“

Nur einen Steinwurf von der Zentrale des Deutschen Fußballbundes (DFB) in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise entfernt ist die Koordinierungsstelle für Fan-Projekte. Deren Leiter Michael Gabriel, der als Amateurfußballer für Eintracht Frankfurt in der damals noch drittklassigen Oberliga spielte, hat eine gute Antenne für die aktuellen Entwicklungen in den Stadionkurven.

In seinem Frankfurter Büro vernetzt der 50-jährige Sportwissenschaftler und Fußballfreak insgesamt 54 lokale Fan-Projekte. Diese Einrichtungen der örtlichen Jugendhilfe gelten Gabriel als gute Seismographen für drohende Eruptionen in der Supporter-Szene. Nach den Kölner Hooligan-Krawallen sprachen wir mit Gabriel über das verstörende Aktionsbündnis zwischen Fußball-Fans und Neonazis, das seine Wurzeln offenkundig in nordrhein-westfälischen Stadien hat.

Bildnummer: 14845170 Datum: 13.10.2013 Copyright: imago/Martin Hoffmann MICHAEL GABRIEL BUCHMESSE FRANKFURT ; Sport privat Messe Buchmesse Buch People xcb x0x 2013 quer Image number 14845170 date 13 10 2013 Copyright imago Martin Hoffmann Michael Gabriel Book Fair Frankfurt Sports Private trade Fair Book Fair Book Celebrities x0x 2013 horizontal Foto: stock/Martin Hoffmann

Herr Gabriel, die Koordinationsstelle Fanprojekte gilt als Seismograph für alarmierende Entwicklungen in der Fußball-Szene. War das Erdbeben der gewalttätigen Hooligan-Krawalle vor zwei Wochen in Köln nicht absehbar?

Gabriel: Seit zwei, drei Jahren ist in manchen Stadien festzustellen, dass die alten rechten Hooligans oftmals sehr junge Ultragruppen bedrohen, die sich gegen Rassismus und für eine bunte Fankurve engagieren. Anknüpfend an die 80er Jahre wollen diese Hooligans wieder ihr autoritäres rechtes Weltbild durchsetzen. Diese Entwicklung hat jetzt mit Köln eine neue Qualität bekommen, da sich dort Hooligans und Nazis losgelöst vom Fußball zu einem rassistischen Mob formiert haben. Hooligans wollen in den Stadien und auf der Straße Raum für ein rechtes Weltbild gewinnen. Wir haben das kommen sehen.

Die Sicherheitsbehörden sehen in der offenkundigen Allianz von Hooligans und Rechtsextremisten eine neue Dimension der Gewalt. Der Kern dieses verstörenden Krawall-Bündnisses gegen Ausländer und Islamisten scheint bei Fangruppierungen von Vereinen in Nordrhein-Westfalen zu liegen?

Gabriel: Tatsächlich scheint es so zu sein, dass hier ein Schwerpunkt liegt. Immerhin kommt ein Großteil der Vereine, wo wir diese Konflikte beobachten konnten, aus Nordrhein-Westfalen, etwa in Aachen, Duisburg, Dortmund, Düsseldorf und Essen. Zudem hat sich Dortmund als eines der größten Zentren der rechtsextremen Szene bundesweit etabliert. Wahrscheinlich war man im Westen zu lange nicht aufmerksam genug und hat das Problem nur in den Osten der Republik projiziert. Aber es ist definitiv ein Problem, das weit über NRW hinausreicht und bundesweite Relevanz hat. Unser Sensorium für alle Entwicklungen in der Fankurve, also auch für die politischen Auseinandersetzungen, ist sensibler als das der Polizei und vieler Vereine. Unsere Fanprojekte sind gute Seismographen.

Seit wann beobachten Sie, dass sich gewaltaffine Fans unterschiedlicher Fußball-Clubs etwa bei den „Hooligans gegen Salafismus“ — kurz Hogesa genannt — zu Aktionseinheiten mit rechtsextremistischen Motiven und Zielen formieren?

Gabriel: Das ist eine recht neue Entwicklung, die eine ziemliche Dynamik entwickelt hat. Hogesa beziehungsweise ihre wahrscheinlichen Vorgängergruppen „Gnu Honnters“ und „Deutsche traun‘ sich wieder was“ sind letztes Jahr das erste Mal aufgetreten und haben durch Aktivitäten im Internet Aufmerksamkeit erlangt.

Es soll bereits im Februar 2012 ein Treffen auf einem Bauernhof im rheinischen Leichlingen gegeben haben, bei dem Vertreter von 17 Firms, sogenannten Hooligan-Zusammenschlüssen, vereinsübergreifende Aktionen mit gewalttätigen Übergriffen verabredet haben sollen. Beim „Spiegel“ firmiert dieses Meeting als „Klassentreffen für Gewaltsuchende“. Halten Sie das nach Ihrer Erkenntnislage für plausibel?

Gabriel: Ja, das klingt durchaus plausibel.

Werden Fan- und Ultragruppierungen nach Ihren Beobachtungen gezielt von Rechten und Neonazis unterwandert?

Gabriel: Wir schätzen die Situation eher so ein, dass ein Kampf um die Hegemonie in der Fankurve stattfindet. Die Hooligans haben ihre starke Stellung, die sie in den 80er Jahren bis Mitte der 90er Jahre innehatten, an die jungen und kreativen Ultras verloren. Die stehen für einen lautstarken Support im Stadion und engagieren sich oftmals gegen Diskriminierungen und für eine bunte und vielfältige Fankultur. Der rechtsextreme Aufmarsch in Köln hatte in gewisser Weise das gleiche politische Motiv: Die Hooligans wollen sich die Deutungshoheit von den ‚verweichlichten Demokraten‘ zurückholen, die zu viel diskutieren und angeblich viel zu tolerant sind gegenüber dem Islam, Flüchtlingen oder Homosexuellen.

Die nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden sehen bei Hooligans und Rechtsextremisten bundesweit eine Schnittmenge von 400 Menschen. Zu den Kölner Krawallen rotteten sich aber annähernd 5000 Gewaltbereite aus diesen beiden Szenen zusammen. Haben Polizei und Verfassungsschutz hier eine gefährliche Entwicklung verschlafen?

Gabriel: Mal unabhängig von diesen Zahlenspielen ist es von zentraler Bedeutung, dass die Sicherheitsorgane die politische Dimension dieses Problems richtig wahrnehmen und als Gefahr für die Gesellschaft erkennen. Gerade nach den Erfahrungen im Umgang mit der terroristischen Vereinigung NSU, wie sie in den unterschiedlichen Untersuchungsberichten bekannt geworden sind, dürfen Polizei und Politik keinen weiteren Vertrauensverlust zulassen.

Wie reagieren der Deutsche Fußball-Bund und die Vereine auf die gemeinsamen Gewaltexzesse von Hooligans und Neonazis?

Gabriel: Die allermeisten Vereine, der DFB und die DFL positionieren sich hier sehr klar, und das ist gut. Trotzdem glaube ich, dass in der Fußballfamilie noch nicht überall die politische Dimension dieser Problematik erkannt wird. Und es gibt bestimmt mancherorts auch eine gewisse Hilflosigkeit. Ich kann das nachvollziehen. Immerhin haben wir es mit Fußballvereinen zu tun, deren vordringliche Aufgabe es ist, Fußball zu organisieren. Deswegen ist es wichtig, dass sich Vereine Unterstützung von außen holen. Die Kölner Ereignisse waren kein Problem des Fußballs. Aber es wird zu einem Problem des Fußballs, wenn die Gruppen, die dort ihre Fremdenfeindlichkeit ausgelebt haben, ihr Weltbild mit Gewalt auch wieder in die Stadien tragen, aus denen die Hooligans eigentlich kommen. Diese Gefahr ist sehr realistisch geworden.

Beim Traditionsclub Alemannia Aachen haben die linken Fußballanhänger irgendwann resigniert das Stadion verlassen, weil sie sich von der neonazistisch unterwanderten „Karlsbande“ kujoniert und bedroht fühlten. Haben Sie diese Entwicklungen verfolgt?

Gabriel: Ja, sehr intensiv. Die Entwicklung in Aachen war deswegen so fatal, weil hier im Ergebnis die gewalttätigen und demokratiefeindlichen Kräfte gewonnen haben. Und dies konnte nur geschehen, weil Verein, Polizei und die große Mehrheit der Fanszene der Alemannia bei der Zuspitzung dieses Konflikts zu lange zugeschaut haben. Als man endlich aufwachte, war es zu spät. Damit ist Aachen sozusagen die negative Blaupause geworden — mit Bedeutung weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Zwischenzeitlich hatte die Vereinsführung von Alemannia Aachen das Banner- und Fahnenverbot für die „Karlsbande“ sogar wieder aufgehoben.

Gabriel: Ich finde es besorgniserregend, wenn die Vereinsführung so etwas beschließt, ohne dies mit der Polizei oder anderen Netzwerkpartnern zu besprechen. Der Polizeipräsident in Aachen konnte diese Entscheidung nicht nachvollziehen, wie er ja öffentlich kritisiert hatte.

Was unternehmen Sie als Koordinationsstelle für Fanprojekte Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit in den Fußball-Stadien?

Gabriel: Die vereinsunabhängigen pädagogisch arbeitenden Fanprojekte verzichten auf kurzfristigen Aktionismus, sondern setzen auf langfristige Verhaltensänderungen. Dazu setzen meine Kolleginnen und Kollegen in den 54 Fanprojekten seit mehr als 20 Jahren ganz früh bei den jüngsten Fans in der Kurve an. Und wenn wir uns vergegenwärtigen, wie bunt, vielfältig und kreativ die Fanszene in Deutschland in ihrer großen Mehrheit ist und wie voll die Stadien in Deutschland sind, dann ist das auch der Arbeit der Fanprojekte zu verdanken. Natürlich gibt es immer noch Probleme mit dieser vitalen und teilweise wilden Jugendsubkultur — man denke nur an den nicht erlaubten Einsatz von Pyrotechnik in den Stadien. Aber noch nie haben sich so viele junge Menschen in den Fankurven gegen Diskriminierungen, gegen Rassismus, Homophobie oder Antisemitismus engagiert wie zurzeit.

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