Aachen: Aachen im Klangrausch: 1800 Sänger und 30 Konzerte

Aachen: Aachen im Klangrausch: 1800 Sänger und 30 Konzerte

Singen mit dem ganzen Körper: Wie das klappt? Mehr als 600 Grundschüler wollen es bei der Chorbiennale in Aachen vorführen. Möglich macht es das Programm „Jedem Kind seine Stimme“. Am Sonntag beginnt das zweiwöchige Chortreffen.

Kleine Hände patschen auf Hüften und Bauch, Füße in Turnschläppchen stampfen und trippeln, Arme mit Freundschaftsbändchen wogen wie Wellen oder Weizen im Wind. Was ist das? Ein Bilderrätsel? Nein, ein Singspaß! Und zwar ein ganz besonderer. Okay, den Ton können Sie hier leider nicht hören — allerdings in unserem Video. Aber weniger klangvoll gesagt: Zu den Gesten und Tanzschritten ertönen viele Stimmen, sie kuscheln und kitzeln, juchzen und jubeln. „Jedes Kind kann singen, drum lass deine Stimme klingen!“

„Jedes Kind kann singen, drum lass deine Stimme klingen!“: Die Kinder der Montessori-Grundschule in Aachen-Eilendorf üben mit Musikschullehrerin Rebekka Zachner (rechts) für ihren großen Auftritt bei der Chorbiennale. Foto: Harald Krömer

Es ist die fünfte Stunde an der Montessori-Grundschule Aachen-Eilendorf, in der Aula steht ein Stuhlkreis zwischen Fernseher und Waschbecken. Aber keiner der 42 Erst- bis Viertklässler sitzt oder steht still. Sie üben für ihren großen Auftritt bei der vierten Aachener Chorbiennale, die morgen startet. Gut 1800 Sänger wollen die Stadt bis zum 14. Juni mit rund 30 Konzerten in einen Klangrausch versetzen. Und die Jüngsten schmettern sportlich mit. Wie, das bringt Zeynep prima auf den Punkt. Die Achtjährige zeigt ein breites Grinsen und zwei Zahnlücken: „Wir machen Singen mit unserem ganzen Körper!“

Atmen, klatschen,singen: Auch die Lehrer werden beim Jekiss-Kurs ein Jahr lang gefördert und gefordert — hier in der Aachener Gerlachschule von Musikschulleiter Harald Nickoll. Fotos: Harald Krömer (2), Fabian Nawrath (2), Michael Jaspers, stock/UPI Photo, Latvian Voices, Montage: Günter Herfs Foto: Michael Jaspers

Möglich macht es „Jekiss“. Es ist die Abkürzung für „Jedem Kind seine Stimme“. Sollte man das mit „geben“ ergänzen? Muss man etwa jedem Kind seine Stimme geben? Es hat sie doch von Natur aus immer mit dabei! „Ja“, sagt Harald Nickoll. „Es soll sie aber auch betätigen — und zwar nicht nur auf dem Fußballplatz.“ Nickoll ist Leiter der Aachener Musikschule, die Grundschulen mit dem Förderprojekt Jekiss zu singenden Grundschulen macht.

Der Aachener, 61, weiße Haare und orange Brille, erinnert sich: „Meine Mutter hat früher immer beim Kartoffelschälen gesungen. So habe ich deutsche Volkslieder gelernt.“ Heute werde im Elternhaus der Kinder kaum noch gesungen, selbst Erwachsene kämen oft kaum über die erste Strophe hinaus. Dabei sei Singen doch „musikalische Grundnahrung“.

Heute schiebt man vielleicht eher Pommes in den Ofen, hört Musik aus Fernseher, CD-Player oder iPod und guckt Castingshows wie „The Voice Kids“. Das lässt sich selbstverständlich auch etwas akademischer sagen: „Angesichts der Verführungen der Verpackungs-, Verstärkungs- und Verfremdungsindustrie fällt es Kindern und Jugendlichen oft nicht gerade leicht, die eigene Stimme pur als gut, präsentabel, schön oder gar cool zu mögen“, meint der Bundesvorsitzende des Verbandes deutscher Musikschulen, Professor Ulrich Rademacher. Wie bei der Ernährung „hat es das Selbstgemachte oft schwer gegen das Fertigprodukt“.

Jekiss setzt auf das Selbstgemachte, auf Erfahrungen mit der eigenen Stimme, nicht auf Pommes, sondern die „Pommesbuden-Polonaise“. So heißt ein Stück der rund 50 Lieder umfassenden Jekiss-Sammlung. Von Samba bis Rumba, von „Kumbaya, my Lord“ bis „La marmotte“ erklingt alles in „kindgerechter Tonhöhe“, also vor allem nicht zu tief für junge Stimmen, die etwa durch Pop- und Rocksongs arg strapaziert werden.

Der Clou bei Jekiss, im Vergleich zu den vielen verschiedenen Musikprogrammen von „Jekits“ bis zur „Singpause“: Die Kinder singen eine Phrase aus einer Melodie und machen dabei eine Bewegung mit Händen, Füßen oder Kopf. Dazu kann der Musikschulleiter Nickoll viel von ganzheitlicher Aktivität, linker und rechter Gehirnhälfte, besserem Einprägen von Text und Melodie erzählen. Die Drittklässlerin Zeynep sagt einfach: „Das macht total Spaß!“

Dieses „Wa-an-dern“

Sie hält die Noten für Rebekka Zachner. Die schlanke Frau mit der Gitarre ist eine von zurzeit acht Jekiss-Lehrkräften der Aachener Musikschule. Bevor sie in die Saiten greifen kann, muss sie sich aus der Umarmung von drei Mädchen lösen. „Ich mache vor, und Ihr macht nach“, singt sie. Aber manchmal geben auch die Kinder den Ton an.

Ein Mädel meldet sich und fragt: „Können wir noch mal ,Das Wandern ist des Müllers Lust‘ singen?“ Und als die Musikschullehrerin noch in den Noten blättert, schallt es schon durch die ganze Aula: „das Wa-an-dern“. Selbst coole Viertklässler, die die Haare im Gesicht hängen haben, stimmen mit ein. Etwa der neunjährige Nils. Obwohl er sagt: „Viele Jungs haben keinen Bock zu singen.“

Manchmal geht das vielleicht auch den Lehrern so. Sie haben nämlich ebenfalls ein Jahr lang ihre wöchentliche Jekiss-Fortbildung. Zum Beispiel an der Aachener Gerlachschule im Schatten von St. Jakob. Nach der sechsten Stunde stehen sieben Lehrerinnen im kleinen Kreis vor roten, blauen und gelben Stühlen. Erst mal Atemübungen, die Kiefer aufsperren. „Können Sie die Töne jetzt mal kauen?“, bittet Nickoll. „So wecken Sie die Klasse und sich selbst auf“, sagt er und klatscht auf seine Wangen.

Dann lachen, schnipsen, in den Knien federn, bevor die ersten Lieder gesungen werden. Dabei krallt sich die eine oder andere Lehrerin schon mal an die Noten, darüber stehen Piktogramme zur Darstellung der passenden Gesten. Die Kinder dagegen haben alles im Kopf. Bei „Un poquito cantas“ kommen die Bewegungen der Lehrerinnen noch eher zurückhaltend, während zwei Mädchen draußen vor dem Fenster auf dem Schulhof laut mitsingen und mit den Hüften eine Acht schreiben.

„Das ist für die Lehrer ein Wellnessprogramm“, hatte Nickoll vorher gesagt. „Wenn man sich darauf einlässt“, klingt Karola Römer etwas skeptischer. Sie ist Lehrerin an der Gerlachschule und hat sich für Jekiss stark gemacht. Aber sie weiß, dass die Fortbildung — gepresst zwischen Unterricht und Hausaufgabenbetreuung — auch anstrengend ist. Dennoch: „Wir sind als Kollegium zusammengewachsen.“

Und nicht nur das Kollegium. „Das Tolle ist, dass die ganze Schule singt.“ Denn nicht nur die beiden Schulchöre aus Erst- und Zweitklässlern sowie Dritt- und Viertklässlern lernen die Jekiss-Lieder. Die Chorkinder geben ihr Können als Co-Lehrer weiter. Das Ziel: Jede Klasse singt jeden Tag, etwa als Auflockerung in der Mathestunde oder Einstieg in die Frühstückspause, und alle gemeinsam treten sie bei Schulfesten in Aktion.

„Das Singen hebt die Stimmung. Es bringt Ruhe und Konzentration. Danach haben Sie eine ausgeglichene Klasse“, findet Karola Römer. Studien singen ebenso das hohe Lied auf die positiven „Transfereffekte“ des Singens: als Stärkung für Intelligenz, Inklusion oder Integration, Kreativität und soziale Kompetenz, ja sogar das Immunsystem.

„Die Kinder hören und achten aufeinander“, stimmt Rebekka Zachner in das Loblied ein. „Die Förderung der Stimme fördert auch das Selbstbewusstsein“, ergänzt Sabine Schönberg-Ehlen, Sonderpädagogin an der Montessori-Schule. Sogar der verpönte Begriff „Disziplin“ fällt mehrfach. Tatsächlich, bei der Stippvisite in Eilendorf: kein Gekippel, kein Gequatsche, kein Geschrei. Auch nicht bei den Lehrerinnen in der Gerlachschule.

Als Modellprojekt wurde Jekiss 2007 in Münster entwickelt, inzwischen findet es bundesweit Gehör. Etwa die Hälfte der 39 Grundschulen in Aachen macht schon mit, für das nächste Schuljahr sind noch Plätze frei (Informationen gibt die Musikschule unter: 0241/997900). Als Hauptsponsor trägt die Jugend- und Kulturstiftung der Sparkasse 50 Prozent der Kosten. In der Regel zahlen Eltern für die Teilnahme ihres Kindes am Chor sechs Euro im Monat.

Mittlerweile sind alle Kinder trällernd rausgelaufen, nur Zeynep ist noch da und knetet ihren Zopf: Sie sei schon ein bisschen aufgeregt vor dem Auftritt auf dem Katschhof, sagt die Achtjährige. Aber sie singe so gerne, auch zu Hause, allein. Am Samstag, 6. Juni, ab 16 Uhr wird sie mit mehr als 600 Kindern von zehn Grundschulen auf der breiten Treppe hinter dem Rathaus acht Lieder anstimmen, etwa „Sing mit bei Jekiss!“

Viele Eltern werden da zuhören — und beim „Sing along“ im Anschluss dürfen sie wie alle Anwesenden beweisen, welche Kuschel- und Jubelstimmen in ihnen stecken.

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