Aachen, die Streuselbrötchen-Insel

Das Teilchen, das die Leute lieben : Aachen, die Streuselbrötchen-Insel

Streuselbrötchen backen? Gar nicht so leicht!

Bei Aachen denkt man zuerst an den Dom. Und natürlich an das Gebäck dieser Stadt schlechthin: Nein, nicht etwa die Aachener Printe ist gemeint, sondern das Streuselbrötchen.

Rund um Dom und Rathaus heiß geliebt, aber nur wenige Kilometer weiter in dieser Form völlig unbekannt. Versuchen Sie mal, in Köln ein Streuselbrötchen zu bekommen. Es ist aussichtslos! Bestenfalls serviert man Ihnen einen sogenannten Streuseltaler, der mit Zuckerguss überzogen ist, oder sogar ein mit Schokostreuseln belegtes Brötchen.

Und erklärt man den dortigen Bäckern dann, was man sich unter einem richtigen Streuselbrötchen vorstellt, hört man als erstes: „Das ist ja gar kein Brötchen, sondern ein Weckchen.“ Auch Touristen in Aachen haben mit der Begrifflichkeit Probleme. Laut Fee Damm, Leiterin der Verwaltung und des Marketings bei Moss, nennen viele Auswärtige das Streuselbrötchen einen Kuchen…

Aber wo verläuft denn geographisch die Streuselbrötchen-Grenze? Die Antwort ist eigentlich recht simpel: ziemlich genau dort, wo das Verkaufsgebiets der Aachener Bäckereibetriebe endet. Im Süden verläuft die Grenze bei Kalterherberg, im Osten hinter Düren, im Westen etwa im niederländischen Heerlen. Bewegt man sich in das ferne Gebiet hinter diesen Ortschaften, muss man sich auf eine streuselbrötchenfreie Zone einstellen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es auch in und um Düren keine Streuselbrötchen. Erst seit dort Bäckereien wie Nobis, Moss oder Drouven ansässig sind – also seit wenigen Jahren – wird in Düren das beliebte Teilchen verkauft – mit großem Erfolg. Es werde bei den Verkaufszahlen kaum ein Unterschied zwischen Aachener und Dürener Filialen festgestellt, berichten die Bäckereien. In Düren oder auch in Jülich hat man das Streuselbrötchen sehr gut angenommen.

Eine regionale Spezialität

Mehr als 8000 Stück verkaufen allein die Bäckereien Nobis, Moss und Drouven insgesamt pro Tag in der Region. Wer einmal mit Streuselbrötchen aufgewachsen ist, den lassen sie nicht mehr los – auch nicht in der Ferne. Die Bäckereien berichten von Kunden (meist ehemalige Studenten), die zehn bis 20 Stück auf einmal kaufen und in ihrer neuen Heimat fernab von Aachen einfrieren. Viele bestellen das Teilchen auch bei den Bäckereien im Internet und lassen es sich in die Ferne schicken. Dass Oecher außerhalb des Streuselbrötchen-Landes das Gebäck schmerzlich vermissen, zeigt ein Blick ins Internet.

Twitter und Facebook sind voll von sehnsüchtigen Posts nach dem Teilchen. „Oh du mein Streuselbrötchen, wie ich dich liebe und in Berlin vermisse“, twittert ein Ex-Aachener. „Ich vermisse sie jeden einzelnen Morgen“, schreibt eine weggezogene Frau auf Facebook. Und viele schimpfen über schlechte Alternativen: „Hier im Norden gibt es die nur mit Streuselchen und grauenhaftem Zuckerguss – für mich keine Alternative!!!“, postet eine Wahl-Niedersächserin. Und ein Oecher begegnete in Kleve, wie er auf Facebook empört berichtet, einem „Brötchen, da ist – ungelogen! – oben drauf EIN Streusel.“

Aber was macht ein gutes Streuselbrötchen aus? „Da scheiden sich die Geister“, sagt Fee Damm von Moss. Manche wollen sie sehr knusprig. Denen empfiehlt Damm ein Stück vom Blechrand. Andere mögen sie lieber halb gebacken – die sollten eines aus der Blechmitte nehmen. Für Michael und Josef Drouven ist das wichtigste, dass die Streusel nicht trocken, sondern „knatschig“ sind. Etwa 80 Prozent ihrer Kunden mögen das Streuselbrötchen „blond bis sehr blond“, nur 20 Prozent wollen es dunkel.

Da läuft nicht nur Aachenern das Wasser im Munde zusammen: Streuselbrötchen. Foto: ZVA/Harald Krömer

Auch bei Nobis gehört die Diskussion um den Zustand des Streuselbrötchens seit Jahrzehnten zum Alltag. „Die Meinungen des klassischen Bäckers und des Kunden über das Streuselbrötchen gehen etwas auseinander“, berichtet Michael Nobis. Der normale Bäcker wolle für gewöhnlich ein Produkt mit einem gewissen Bräunungsgrad herstellen. Der Großteil der Kunden möchte aber möglichst hell gebackene Streuselbrötchen. Da müsse man genau den richtigen Mittelweg finden – innen stabil gebacken, aber außen nicht zu dunkel.

In einem sind sich aber alle Kunden einig: Die Streusel müssen möglichst dick sein. Drouven und Moss lassen sie deshalb nicht von Maschinen drüberstreuseln, sondern noch von Mitarbeitern per Hand auf das Brötchen drücken. „Da besteht die Chance auf einen handtellergroßen Streusel“, erklärt Damm. Vor einigen Jahrzehnten war das noch anders.

„Das Streuselbrötchen hat in den letzten Jahren einen Wandel durchgemacht“, berichtet Josef Drouven, „Bis 1970 wurden die Streusel drübergestreuselt, danach erst wurden sie gedrückt. Dafür braucht man einen möglichst fetten Streusel, damit er hält.“ Fett wird er durch ordentlich viel Butter oder – wie bei Drouven – durch Margarine. So ist das Streuselbrötchen nicht nur lecker, sondern auch noch vegan.

Ein wahres Mysterium

Seit wann es das Streuselbrötchen gibt und wie es erfunden wurde, kann aber keine der Bäckereien eindeutig beantworten. Bei Moss heißt es, das Gebäck sei schon seit 1925 Tradition. Josef Drouven hingegen hat keine Informationen darüber, dass es vor dem Krieg Streuselbrötchen gab. Auch bei Nobis ist man sich über die Historie nicht sicher. Dort gibt es das Streuselbrötchen mindestens seit Anfang des vorigen Jahrhunderts, möglicherweise auch länger. Ein genaues Datum ist nicht überliefert.

Michael Nobis kann über die Gründe, weshalb man es erfand, nur spekulieren: „Früher waren die Menschen sparsamer unterwegs und das Geld war knapper, da hat man wohl etwas Leckeres kreieren wollen, was trotzdem einfach herzustellen ist. Und so wird das Streuselbrötchen zustande gekommen sein“, vermutet er. Doch viel Genaues ist über die Geschichte des Streuselbrötchens nicht zu erfahren: „Die Historie des Streuselbrötchens scheint ein echtes Mysterium zu sein“, sagt Damm.

Ein Mysterium ist für viele Streuselbrötchenliebhaber auch das Rezept. Was man weiß: Es besteht meist aus einem Hefeteig aus Mehl, Wasser, Hefe, Salz und Butter (bzw. Margarine) – darüber Streusel aus Zucker, Mehl und Butter oder Margarine. Das genaue Rezept variiert aber von Bäcker zu Bäcker, und sie halten das Geheimnis der Zutaten und der Zubereitung natürlich streng unter Verschluss. Eine Leserin hat uns aber ein gutes Rezept für Streuselbrötchen verraten, das Sie auf unserem Koch-Blog Dreiländerschmeck finden können!

Manche Genießer geben im Internet Tipps, wie man die Streuselbrötchen zudem noch aufwerten kann. Viele essen sie mit Pflaumen, Marmelade oder mit dick Butter drauf. Manche fügen Zimt hinzu. Und einige scheuen sich nicht davor, Leberwurst draufzuschmieren. Doch diese Menschen stoßen im Internet selten auf Toleranz. Für die meisten ist nur ein Streuselbrötchen mit nichts als Streuseln drauf ein echtes Streuselbrötchen! Punkt.

Warum das Streuselbrötchen noch keine weiteren Regionen erobert hat, bleibt ein Rätsel. An den Kunden kann es nicht liegen, also liegt es wohl an der Skepsis der Nicht-Aachener Bäcker. Wie Damm erzählt, kommt es vor, dass auswärtige Bäckerkollegen sich bei einem Besuch in Aachen über die Streuselbrötchen beschweren: „Die sind ja gar nicht durchgebacken!“, heißt es da. Es sieht also danach aus, dass Oecher in der Ferne noch lange Streuselbrötchenheimweh haben werden!

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