Aachen: A4-Unfall mit vier Toten: „Der Mensch bleibt das größte Unfallrisiko“

Aachen : A4-Unfall mit vier Toten: „Der Mensch bleibt das größte Unfallrisiko“

Warum fährt ein junger Mann mitten in der Nacht ungebremst auf einen Sattelschlepper auf? Es wird sich wohl nicht mehr herausfinden lassen, wie es in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu dem schweren Unfall auf der Autobahn 4 kam. Der Unfallverursacher ist tot. Genauso wie drei weitere junge Menschen, die mit in den Tod gerissen wurden, weil sie nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnten.

Es ist bereits der vierte schwere Unfall innerhalb von zwei Jahren auf dem Streckenabschnitt zwischen Düren und dem Kreuz Kerpen, bei dem Menschen tödlich verunglückten. Laut der zuständigen Autobahnpolizei Köln lässt sich dort dennoch kein Unfallschwerpunkt feststellen.

Hält ein Tempolimit auf der A4 nicht für sinnvoll: Verkehrsforscher Michael Schreckenberg. Foto: Frank Preuss

„Jeder Unfall hatte augenscheinlich eine andere Ursache“, sagte ein Polizeisprecher am Montag auf Anfrage unserer Zeitung. Im Februar 2016 war eine Autofahrerin aus ungeklärter Ursache von der Fahrbahn abgekommen, im Januar dieses Jahres starben zwei Menschen bei einem Geisterfahrer-Unfall, im April fuhr ein Lastwagen ungebremst in ein Stauende, und diesmal deutet alles auf Unachtsamkeit hin.

Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Köln wurde deshalb auch sofort wieder eingestellt. „Es gibt keine Hinweise auf das Fehlverhalten Dritter“, sagte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer am Montag. „Der alleinige Verursacher ist tot, und es gibt keine Ermittlungsverfahren gegen Verstorbene.“ Man habe weder Hinweise auf Suizidgedanken noch Indizien dafür gefunden, dass die Geschwindigkeit über die Maßen unangepasst war.

Die Kollision des nachfolgenden Wagens mit dem Unfallfahrzeug erscheint in der Rekonstruktion des Hergangs unvermeidbar, wie Bremer sagt. „Es gibt keine Anhaltspunkte für einen Fahrfehler. Das unbeleuchtete Hindernis tauchte überraschend aus der Dunkelheit auf.“ Umso tragischer ist es, dass für drei der vier jungen Insassen im Alter zwischen 18 und 21 Jahren jede Hilfe zu spät kam und sie im Wrack verbrannten. Nur eine 18-Jährige, die durch die Wucht des Aufpralls aus dem Wagen geschleudert wurde, überlebte schwer verletzt. Laut Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft besteht aber keine Lebensgefahr.

Die Geschwindigkeit auf der A4 zwischen Köln und Aachen unterliegt keiner Begrenzung. Objektiv besteht auch kein Grund: Das ganze Stück ist dreispurig ausgebaut, die Fahrbahn in einwandfreiem Zustand. Würde eine Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf 120 oder 130 Stundenkilometer das Unfallrisiko senken? Verkehrsforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen sagt: „Nein. Auch wer mit 100 Stundenkilometern frontal gegen einen Baum fährt ist tot.“

Es gebe keine ihm bekannte Statistik, die besagt, dass bei niedrigeren Geschwindigkeiten weniger Unfälle passieren. „Im Gegenteil“, sagt er. „Die meisten Unfälle geschehen nicht auf Autobahnen, sondern bei niedrigen Geschwindigkeiten im Stadtverkehr, im Stau oder auf der Landstraße.“ Dann, wenn man aus Langeweile anfange, andere Dinge zu tun. „Laut meinen Recherchen sind bis zu 60 Prozent der Unfälle mit Todesfolge im Raum Köln in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres vermutlich auf die unerlaubte Benutzung des Smartphones zurückzuführen.“

Hoffnung setzt Schreckenberg auf die zunehmende Technisierung der Autos. „Intelligente Abstandhalter und Bremssysteme können die Sicherheit im Straßenverkehr deutlich erhöhen“ sagt er. Auf kleine Unachtsamkeiten oder den Sekundenschlaf könnte damit im Ernstfall reagiert und schlimme Unfälle vermieden werden.

Doch das höchste Unfallrisiko berge nach wie vor der Mensch selbst. „Gesetze und Hinweisschilder bringen nichts, wenn sie nicht befolgt werden und deren Einhaltung nicht konsequent überwacht wird“, sagt Schreckenberg. „Der Gesetzgeber hinkt da hinterher.“ Außerdem plädiert er für regelmäßige Fortbildungen der Fahrer. „Es kann nicht sein, dass man in Jahrzehnten des Autofahrens kein einziges Mal zeigen muss, dass man sich noch im Schilder- und Regelwald zurechtfindet.“

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