Demenzkranke Frau getötet: 84-Jähriger wollte ihr „Siechtum ersparen“

Demenzkranke Frau getötet : 84-Jähriger wollte ihr „Siechtum ersparen“

Als seine Frau tot ist, legt er ihr eine Rose auf den Körper und ein Tuch über das Gesicht. Der Anblick sei unerträglich für ihn gewesen, sagt der 84-Jährige, der seine demenzkranke Ehefrau getötet haben soll - um ihr ein noch längeres Siechtum zu ersparen, wie er sagt.

„Das ist meine Frau, die ich 58 Jahre geliebt habe und immer noch liebe“, sagt der Angeklagte aus Bergisch Gladbach am Montag vor dem Kölner Landgericht. Danach versucht er, sich selbst umzubringen, überlebt aber. Nun ist er wegen Totschlags angeklagt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Deutschen vor, seiner Frau zunächst Beruhigungsmittel verabreicht zu haben. Dann habe er die 80-Jährige auf dem gemeinsamen Bett fixiert, sich mit erheblicher Wucht auf ihren Oberkörper gelehnt und ihr eine tödliche Dosis Insulin in den Hals gespritzt. Durch das Auflehnen habe sie innere Verletzungen erlitten. Zudem verdeckte das Handtuch laut Anklage die Atemwege der Frau.

Im Jahr 1957 hatte sich das Paar verlobt, heiratete zwei Jahre später und bekam zwei Kinder. „Wir waren eine gut funktionierende Familie - mit allen Höhen und Tiefen“, sagt der 84-Jährige vor Gericht. 2011 habe seine Frau dann erfahren, dass sie an Alzheimer erkrankt sei. Keines der Medikamente kann die Demenz aufhalten. In den Wochen vor ihrem Tod habe sie immer wieder gedroht, sich selbst das Leben zu nehmen. „Sie wurde immer unzufriedener mit ihrem Leben.“ Jeden Tag habe er mit ihr alte Fotoalben angeschaut, um verblichene Erinnerungen zurückzuholen - vergeblich.

Die Verzweiflung sei groß gewesen. Bei der 80-Jährigen, die ihre Kinder und ihren Mann nicht mehr erkannte, die alltägliche Dinge nicht mehr selbst erledigen konnte. Und auch bei ihrem Ehemann, der sie allein pflegte und dessen Kraft nach eigener Aussage zu Ende ging. Er habe kaum noch ein Auge zugemacht. „Ich will sterben, ich schäme mich so“, soll seine Frau gesagt haben, wenn er am Morgen ihr Bett neu beziehen musste.

Da habe sich der Rentner an ein Versprechen der Eheleute erinnert: Gemeinsam aus dem Leben zu gehen, wenn einer von beiden an Alzheimer erkrankt. In einer Apotheke besorgt er nach eigenen Worten Schlaftabletten und schreibt einen gemeinsamen Abschiedsbrief. 20 bis 30 der Tabletten habe er mit Wasser gemischt. Eine Hälfte für sie, eine Hälfte für ihn. Eine Überdosis reiche, damit seine Frau einschlafe und sterbe, habe er gedacht. Doch als sie Erstickungsanfälle bekommen habe, sei er in Panik geraten - und habe ihr die tödliche Dosis des ihm verschriebenen Insulins gespritzt.

Per Whatsapp bittet der gebürtige Dresdener seine Kinder vorbeizukommen und trinkt seinen Teil des Gemischs. Die Tochter findet ihn schließlich noch lebendig. „Ich habe mich als Versager und als Verräter gefühlt, weil ich es nicht vollendet habe“, sagt der 84-Jährige am Montag.

Laut Staatsanwaltschaft gibt es keine anderen Zeugen für die mutmaßlichen Selbstmordabsichten der 80-Jährigen. Über den Grad der Verzweiflung habe er vor der Tat mit seinen Kindern nicht gesprochen, sagt der Angeklagte. Auch aus Angst vor einer möglichen Trennung in einer betreuten Wohneinrichtung. Bis zum Schluss habe er für seine Ehefrau da sein wollen - und daher den Entschluss gefasst.

(dpa)
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