Aachen: 600 Jahre Chorhalle: Festwoche mit Führungen, Vorträgen und Musik

Aachen : 600 Jahre Chorhalle: Festwoche mit Führungen, Vorträgen und Musik

Wer in den Aachener Dom geht, ist gefangen von der weltweit so seltenen Bauform des Oktogons und der Pracht, die darin erstrahlt. Gerade jetzt, wo die Mosaiken — frisch geputzt — fast leuchten und alles neu mit Licht inszeniert wurde, kann man sich der Faszination dieses Raumes nicht entziehen.

Der Raum dahinter, die Chorhalle, wird davon sprichwörtlich in den Schatten gestellt. Das war nicht immer so in der 600-jährigen Geschichte dieses spektakulären Baus aus Glas. Als „Haus des Lichts“ soll die Chorhalle nun in einer Festwoche vom 7. bis 14. September das Oktogon in den Schatten stellen.

Denn genau aus diesem Zweck, sagt Georg Minkenberg, Kunsthistoriker und Leiter der Domschatzkammer, sei die Chorhalle gebaut worden. Fasst man seine kunsthistorischen Aussagen in einem Satz zusammen, lautet der: Das karolingische Oktogon konnte im Spätmittelalter schlicht nicht mehr mithalten, es war unmodern. „Und anderswo wurde Gas gegeben“, sagt Minkenberg.

Eine Demonstration der Macht

In Paris standen schon spektakuläre gotische Bauten: Notre Dame oder Sainte Chapelle, „ein gläserner Schrein für Christi Dornenkrone“, sagt Minkenberg. Buntglasfenster fluten den himmelwärts strebenden Kirchenraum mit unirdisch wirkendem Licht. Ein sensationeller Bau. Und eine Demonstration der Macht und der Möglichkeiten des Erbauers. Das Stiftskapitel der Aachener Marienkirche, also des heutigen Doms, befürchtete, abgehängt zu werden, ins Hintertreffen zu geraten. „Der Anbau wurde beschlossen, um den karolingischen Bau in den Schatten zu stellen. Alles ist größer, länger und höher“, berichtet Minkenberg.

Die Begründung, man brauche für die Pilgerströme im Dom mehr Raum, sei nur pro forma gegeben worden. Eine Ausrede. Denn der Marienschrein sei unverändert an seinem Ort geblieben und die Pilger hätten auch nach der Einweihung 1414 weiter im Oktogon gesessen. Doch die Chorhalle wurde zum erhofften „Haus des Lichts“. Kunsthistoriker gehen davon aus, dass — auch wenn gotische Fenster nie einen Raum beleuchten sollten — die Fenster damals mehr Licht eingelassen haben als die nach dem Zweiten Weltkrieg eingebauten. Im Oktogon findet sich im unteren Bereich kein einziges Fenster.

Der Besucher trat also in das dunklere, damals unbeleuchtete Achteck und strebte dem Licht in der Chorhalle zu. Auch der Altar habe am Ende der Chorhalle gestanden. „So wurde das Oktogon zum Durchgangsraum“, sagt Minkenberg. Und der Plan des Stiftskapitels, zu beeindrucken, ging auf: In Saint Chapelle in Paris waren 600 Quadratmeter Glas verbaut worden, in Aachen legte man noch einen drauf: 1000 Quadratmeter Glas „an der Grenze des baulich Möglichen“ finden sich in der Chorhalle, getragen durch sechs Eisenanker, die im karolingischen Bau verankert sind. „Die kunsthistorische Bedeutung der Chorhalle allein würde genügen, um die Menschen in den Aachener Dom zu ziehen.“

Doch das Oktogon, das weltweit bedeutsamste architektonische Beispiel für die karolingische Renaissance, kann heute wieder die Chorhalle überstrahlen, weil die damals Verantwortlichen den Bau nicht abreißen lassen wollten. Er stand eben für alles, erzählt der Kunsthistoriker, was dem Stiftskapitel wichtig war und was die Bedeutung Aachens untermauerte: Krönungskirche, Pfalz und Grabstätte Karls des Großen. Dass der Karlsschrein in die Chorhalle verlagert wurde — steigerte ihre Bedeutung nur noch.

Doch bis auf wenige Glasreste wurden die Fenster im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört. Eine Granate flog zur einen Seite in die Chorhalle hinein und an der anderen wieder hinaus. Der Bau überstand den Krieg verhältnismäßig leicht verwundet. „Ein glattes Wunder“, sagt Minkenberg. Doch über 500 Jahre nach dem Bau der Chorhalle erkannte man, dass das Sensationellere und Einzigartigere des Aachener Doms das Oktogon ist. „Man wollte den karolingischen Bau aufwerten. Er sollte kein Durchgangsraum mehr sein.“ Ergebnis: Der Altar rückte wieder zum Oktogon. Und die Chorhalle schmücken heute dunklere Fenster.

Die Wirkung des „Hauses des Lichts“ wurde gedämpft. Das soll sich in der Festwoche zum 600. Weihejahr ändern. Es gibt täglich kostenlose Führungen und wechselnde Vorträge zu Einzelaspekten der Chorhalle, die Dombaumeister Helmut Maintz mit besonderer Beleuchtung „ins Licht setzen“ will. Dazu ein Festival geistlicher Musik. „Während der Festwoche können wir in der Chorhalle Auferstehung mitten im Alltag erfahren. Ich wünsche mir, dass sich die Besucher von diesem göttlichen Geschenk in besonderer Weise berühren lassen“, sagt Generalvikar Manfred von Holtum.