Eupen/Paderborn: 53 Millionen Euro: Zigarettenschmuggler verursachen hohen Steuerschaden

Eupen/Paderborn : 53 Millionen Euro: Zigarettenschmuggler verursachen hohen Steuerschaden

Ein Krimiautor müsste sich ziemlich den Kopf zerbrechen, um eine solche Geschichte zu erfinden, sie dreht sich um Zigarettenschmuggler, die unter anderem in Eupen in Ostbelgien bis zu 1,7 Millionen Stangen Zigaretten illegal hergestellt und in Deutschland verkauft haben sollen.

Die Struktur und das konspirative Agieren der Bande ist nach Ansicht des Zoll in dieser Form in Deutschland einmalig. Sechs Mitglieder der Bande stehen seit einer Woche in Paderborn vor Gericht, drei Russlanddeutsche, zwei Moldawier und ein Rumäne. Die Anklage lautet auf Hinterziehung von acht Millionen Euro Tabaksteuer, verursacht durch Produktion und Vertrieb von 9,5 Millionen illegaler Zigaretten.

Doch das ist offenbar nur die Spitze des gewaltigen Eisbergs, denn eine Sonderkommission des Zollfahndungsamtes Essen geht davon aus, dass die mutmaßliche Bande bereits über Jahre hinweg aktiv war und 1,7 Millionen Stangen Zigaretten in Deutschland verkauft hat, was 340 Millionen Zigaretten entspräche. Der Steuerschaden würde 53 Millionen Euro entsprechen.

Schmuggel und illegaler Vertrieb in einer solchen Größenordnung funktionieren nur mit einer perfekten Organisation — für den Zoll steht die Bande für einen, wenn nicht den herausragenden Fall von Zigarettenschmuggel in Deutschland. Hoch professionell strukturiert, konspirativ bis ins letzte Detail, so beschreibt der Leiter der Ermittlungskommission die Arbeitsweise der Schmuggler-Bande, der vor dem Landgericht als Zeuge ausgesagt hat.

20.000 Stangen pro Tag

Die Erkenntnisse des Zoll sind umfangreich. Denn vor dem Zugriff im Oktober 2014 gelang es den Ermittlern, die Bande ein ganzes Jahr lang zu überwachen — inklusive Telefonabhörung und Observation. Den Stein brachten gleich mehrere anonyme Hinweise auf einen Spediteur im ostwestfälischen Hövelhof ins Rollen, der containerweise unversteuerte Zigaretten per Lkw nach Deutschland bringe.

Die Überwachung des jetzt als Kopf der Bande angeklagten 39-Jährigen führte zu einem 42-Jährigen aus Holzwickede, der ab der Jahreswende 2013/2014 als Großabnehmer von Zigaretten auftrat. Ein 44-jähriger Moldawier, der in Paderborn einen Autohandel betrieb und den die Zollfahnder schnell als rechte Hand des Spediteurs ausmachten, soll für die tägliche Produktion der Zigaretten und die Transporte zuständig gewesen sein. Sein 31 Jahre alter Neffe, früher Polizist in Moldawien, habe die Fahrzeuge gegen Kontrollen abgesichert.

Um nicht aufzufliegen, soll die Bande ihre Aktivitäten so gut es ging getarnt haben. Material für die Zigarettenproduktion sei legal über Speditionstransporte aus Estland und Litauen eingeführt worden, der Tabak sei über eine Firma, die dem 44-jährigen Moldawier gehört, aus Italien gekommen. Auf alten Produktionsstraßen wurden die Zigaretten dann hergestellt: Die Kapazität der beiden Anlagen, die vergangenen Oktober in Eupen sichergestellt wurden, betrug 20.000 Stangen pro Tag. Die Ladungen kamen per Kleintransporter über Hamm, Dortmund, Erwitte und Lippstadt von Ostbelgien nach Ostwestfalen.

Die Kleintransporter trugen das Logo eines Paketdienstes, die Fahrer trugen farblich identische Kleidung, eskortiert wurden die Laster stets vom vorausfahrenden Moldawier und hatten zusätzlich einen Störsender an Bord, um eine GPS-Ortung zu erschweren. Die Kommunikation der Bande lief über SMS, wobei die einzelnen Bandenmitglieder, von denen es noch weit mehr als die Angeklagten geben soll, über Prepaid-Handys lediglich Meldungen an eine Code-Nummer absetzten, die von einer Moderatorin in Moldawien an den richtigen Empfänger weitergeleitet wurden. Nur der 39-jährige mutmaßliche Chef soll gewusst haben, welches der Bandenmitglieder sich hinter der jeweiligen Code-Nummer verbirgt.

Dennoch wurden mehrmals Transporte von den Behörden abgefangen — die Bande reagierte: In einem Katz-und-Maus-Spiel wurden Fahrzeuge ausgetauscht, Routen geändert, neue Lagerhallen in Betrieb genommen.

Wie Sklaven gelebt

Als eine konkurrierende Zigarettenschmugglerbande in Holland ein Lager der Angeklagten hochgehen ließ und später sogar die Produktionsanlage in Gießen überfiel, zogen die Angeklagten und ihre Helfer mit der Herstellung nach Eupen um.

Innerhalb eines Tages wurde so die gesamte Produktion samt Anlagen und Arbeitern verlagert und wieder aufgenommen. Nachdem die Zollfahnder die Produktionshalle in Eupen und ein Lager in Ostwestfalen durchsucht hatten, stießen sie später in Holland auf eine weitere betriebsbereite Anlage zur Zigarettenproduktion. In Eupen fand der Zoll 24 Arbeiter vorwiegend rumänischer Herkunft, die unter dem Vorwand einer Tätigkeit auf Baustellen angeworben worden waren. Die Bande hatte ihnen Ausweise und Handys abgenommen, seit Monaten lebten und arbeiteten sie wie Sklaven in einer licht- und schalldicht verschlossenen Halle.

Wie lange der Prozess dauern wird, ist ungewiss. Die Staatsanwaltschaft hat den Angeklagten Rabatt beim Strafmaß im Gegenzug für Geständnisse in Aussicht gestellt. Davon hat der angeklagte Großabnehmer bereits Gebrauch gemacht. Ob das Gericht die Aussage des mutmaßlichen 39-jährigen Bandenchefs ebenfalls als Geständnis akzeptiert, ist fraglich. Er hatte ausgesagt, nur der Mittelsmann eines ominösen „Dicken“ gewesen zu sein, der von Brüssel aus die Fäden im internationalen illegalen Zigarettenhandel zieht.

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