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Nach dem Hochwasser: 50 Jahre Arbeit in zwei Stunden von der Flut zerstört

Nach dem Hochwasser : 50 Jahre Arbeit in zwei Stunden von der Flut zerstört

Santosh Pinto hat mit großem Einsatz ein Archiv über sein Zuhause Randerath angelegt. Beim Wurmhochwasser im Juli ist es völlig zerstört worden. Er ist ein Beispiel für die Fälle, in denen unser Hilfswerk „Menschen helfen Menschen“ hilft. Die Geschichte eines beeindruckenden Menschen.

Die Geschichte von Santosh Pinto handelt von einem großen Verlust, tiefer Dankbarkeit und einem Menschen, dessen Wissensdurst so gut wie keine Grenzen kennt. Santosh Pinto, 73 Jahre, lebt in Randerath, dem Heinsberger Ort, der im Juli schwer vom Hochwasser der Wurm betroffen war. Pinto hat dabei sein Archiv verloren, das so etwas war wie das dokumentierte Gedächtnis des Ortes.

Als das Hochwasser im Juli kam, schien es zunächst gar nicht so schlimm zu werden. Das Wasser reichte zunächst bis zum Bürgersteig. „Da hatte ich Angst“, sagt Pinto, aber abends um 18 Uhr habe unten im Pumpensumpf noch kein Wasser gestanden. In der Nacht, um 1.15 Uhr, habe er dann plötzlich Geräusche gehört. Das Wasser sprudelte im Keller hoch. Pinto versuchte, es mit Eimern herauszuschöpfen. Jugendliche aus dem Ort kamen ihm zur Hilfe. „Aber es hörte nicht auf“, sagt er. Er versuchte, zu retten, was zu retten war. Aber am Ende stand ihm das Wasser bis zum Hals. Und zwar buchstäblich. Das Archiv, das sich in dem Keller befand, war verloren.

Die Auswirkungen des Hochwassers in Randerath sind sicher nicht so massiv wie etwa in Eschweiler und Stolberg. Aber viele Menschen haben doch große Schäden an ihren Häusern. Deshalb unterstützt das Hilfswerk des Medienhauses Aachen „Menschen helfen Menschen“ auch hier besonders schwere Fälle. Santosh Pinto ist einer davon. Bei ihm wiegt der ideelle Verlust jedoch deutlich schwerer als der materielle. „Ich bin ein Mensch ohne Seele geworden. Innerlich lebe ich nicht“, sagt er.

Um seinen Verlust und seinen Schmerz zu verstehen, muss man sich mit der Geschichte von Santosh Pinto befassen. Er kam im Jahr 1972 als 24-Jähriger mit einem Unesco-Stipendium aus dem indischen Goa nach Deutschland. Der studierte Astrophysiker, der später auch in der Molekularbiologie arbeitete, ging zunächst an die RWTH Aachen, später auch an die Unis in Köln und Heidelberg. Aber Randerath ist seine Heimat geworden und immer geblieben. „Ich habe nirgendwo sonst so viel Liebe erfahren wie hier“, sagt er.

An dem Tag, als er in Deutschland ankam, zog er bei einer Randerather Familie ein. Gleich am ersten Abend ging er mit ihnen in die Kirche. Der Pfarrer zeigte ihm nach der Messe die Kirche und das Pfarrhaus. Dort sah Pinto eine Menge alter Bücher. Er dachte: „Hier muss etwas anfangen“ – also fing er sofort an. Das war der Startschuss für sein Archiv und sein späteres Heimatmuseum.

Etwas später machte er mit dem Pastor zusammen kleinere Ausgrabungen im Umfeld der Kirche. Dort fanden sie 5000 handgeschriebene Dokumente, die zum Teil bis in das 14. Jahrhundert zurückreichten. Pinto brachte sich selbst bei, sie zu lesen. Ein wahrer Schatz für einen Heimatforscher. „Mich interessiert es, alles gründlich herauszufinden“, sagt Pinto.

Heizöl und Wasser zerstören Dokumente

Diese Dokumente sind nun in seinem Archiv einem Gemisch aus Heizöl und Wasser zum Opfer gefallen. Sie lagerten dort zusammen mit alten Bänden der Kirchenzeitung, Ausschnitten aus der Heinsberger Volkszeitung, etlichen Festschriften von Vereinen aus der Region, Heimatkalendern ab dem Jahr 1925, Pfarrbriefen ab dem Jahr 1914, rund 20.000 guten Büchern, Fotoalben, die er von älteren Leuten bekommen hatte, Fotos, Film- und Tonbandaufnahmen, die er selbst gemacht hatte.

Als Heimatforscher habe er immer etwas Neues schaffen wollen, deshalb habe er viele Menschen mit seinem Tonbandgerät interviewt. Dazu noch Tagebücher, die er in seiner Jugend geschrieben und Bilder, die er selbst gemalt hatte. 95 Prozent davon seien nun verloren. „Das tut mir so weh, ich kann das gar nicht beschreiben“, sagt er. Die Arbeit von 50 Jahren wurde innerhalb von zwei Stunden zerstört, genauso schnell wie damals die angeblich „unsinkbare“ Titanic versank.

Wo teils einzigartige Originaldokumente untergebracht waren, herrschte nach dem Hochwasser nur noch Chaos. Alle Bücher, Dokumente und Speichermedien waren einem Gemisch aus Wasser und Öl zum Opfer gefallen.
Wo teils einzigartige Originaldokumente untergebracht waren, herrschte nach dem Hochwasser nur noch Chaos. Alle Bücher, Dokumente und Speichermedien waren einem Gemisch aus Wasser und Öl zum Opfer gefallen. Foto: Santosh Pinto

Pinto ist in Randerath aber nicht nur als Heimatforscher hoch anerkannt. Er tummelte sich auf allen möglichen Feldern. Er hat zehn Bücher geschrieben und herausgebracht und noch viele unveröffentlichte auf seiner Festplatte. Er ist in der Kirche engagiert. Er gab vielen Kindern ehrenamtlich Nachhilfe. Er ließ mit anderen zusammen die Schützenbruderschaft aufleben und organisiert die 900-Jahr-Feier von Randerath. Er setzte sich für den Erhalt des alten Bahnhofs ein. Und, und, und.

Für seine vielfältigen Verdienste wurde er mit dem Rheinlandtaler und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Dabei steht er gar nicht gern im Mittelpunkt. Das Bundesverdienstkreuz hatte er zunächst noch abgelehnt. „Ich wollte diesem Land etwas geben“, sagt Pinto. Deshalb engagierte er sich ehrenamtlich, Geld habe er dafür nie angenommen. Es sei ihm immer um die Freude gegangen.

Deshalb war die Hilfsbereitschaft für Pinto in Randerath auch so groß, als er durch das Hochwasser in Not geraten war. Er kam drei Wochen lang bei einer Familie im Ort unter. Die Frau war als Kind mal in einer seiner Bastelgruppen. Und bei den Arbeiten an seinem Haus helfen Handwerker, denen Pinto einmal Nachhilfe gegeben hat. So danken die Randerather Pinto für seinen großen Einsatz für den Ort und seine Menschen.

Pinto, der über viele internationale Kontakte verfügt, setzt sich heute auch dafür ein, dass sich das Bild von Deutschland im Ausland ändert. „Ich versuche seit Jahren, die Schulbücher weltweit zu ändern“, sagt er. Darin werde Deutschland immer mit dem Zweiten Weltkrieg und der Technik „Made in Germany“ in Verbindung gebracht. Er findet, die Kinder in aller Herren Länder sollten auch etwas über die deutsche Geselligkeit, das Brauchtum und den Karneval lernen.

Wenn Pinto von seinem Leben erzählt, dann fragt man sich, wie all das zu schaffen ist. Neben der unbändigen Neugierde, seiner großen Akribie und seinem Interesse an Menschen gibt es einen weiteren Faktor, der eine Rolle spielt: sehr wenig Schlaf.

Pinto war immer umtriebig, er schrieb schon als Jugendlicher Briefe an die Queen, später auch an den Papst und den Bundespräsidenten. Jetzt fühlt er eine große Leere. „Ich kann nicht mehr schreiben und nicht mehr denken – seit dem Untergang der Titanic“, sagt er.