18-Jährige übernimmt den Bus und verhindert Katastrophe in Aachen

Katastrophe verhindert : Als der Fahrer kollabiert, übernimmt eine 18-Jährige den Bus

Es kann gut sein, dass in der Nacht von Freitag auf Samstag am 8. Dezember eine Katastrophe in der Innenstadt von Aachen verhindert worden ist. So sieht es zumindest die Polizei. Verhindert hat das eine 18-jährige Frau.

„Ohne ihre Zivilcourage hätte es schlimm enden können“, sagt Polizeisprecher Paul Kemen. Ohne ihre Zivilcourage hätte ein führerloser Linienbus in den Gegenverkehr geraten oder vor ein Haus rasen können. Vanessa B. hat das verhindert.

Sie will nicht mit ihrem kompletten Namen in der Zeitung stehen, möchte keinen Rummel. „Ich bin keine Heldin“, findet sie. „Was ich gemacht habe, ist selbstverständlich. Und ich hoffe sehr, dass ich auch diese Hilfe in einer Notlage erfahren würde.“

Gegen 0.10 Uhr war die Linie 2 unterwegs in Richtung Eilendorf, an Bord waren etwa 20 Passagiere, als es an der Kreuzung Hansemannplatz/Jülicher Straße einen gravierenden Zwischenfall gab. Für die Linie fährt das Busunternehmen Höninger, das seinen Sitz in Heinsberg-Waldfeucht hat. Der Fahrer ist dort beschäftigt, Vanessa B. arbeitet auch für das Unternehmen, allerdings im kaufmännischen Bereich an einem anderen Standort. Sie kennt den Mann nur flüchtig. Er weist sie ein bisschen ein an diesem Abend. Vanessa B. will Busfahrerin werden, das ist schon lange ihr Berufswunsch. Sie ahnt nicht, dass sie kurz nach Mitternacht unverhofft das Lenkrad übernehmen muss.

 Ein glücklicher Zufall

 Sie sitzt auf dem Platz ganz vorne, und das ist ein glücklicher Zufall. Denn der 47-jährige Fahrer des Busses sackt nach wenigen Metern zusammen. Aus Mund und Nase läuft Flüssigkeit, beobachtet Vanessa B. Sie reagiert unfassbar schnell. Die junge Frau erkennt die Situation, der Fahrer ist bewusstlos, der Bus fährt dennoch führerlos weiter. Laut Polizei streift der Linienbus ein Fahrzeug. Vanessa B. öffnete gewaltsam die Kabine, in der der Busfahrer sitzt. Der Mann ist nicht mehr ansprechbar, hat aber noch seinen rechten Fuß auf dem Gaspedal. Die Linie 2 hätte rechts abbiegen müssen am Hansemannplatz, das aber ist nicht mehr zu schaffen.

Vanessa B. ergreift das Lenkrad, will unbedingt in der Busspur in der Mitte der Fahrbahn bleiben, sagt sie. Sie weicht mehreren Fahrzeugen aus. Der Bus überfährt die selbst nachts viel befahrene Kreuzung bei Rot, aber sie bekommt den Bus unter Kontrolle. Sie versucht den rechten Fuß des Fahrers vom Gaspedal zu schieben. Ein paar Meter weiter gelingt ihr das, sie kann die Fußbremse treten, dann endlich steht der Bus. Sie zieht die Handbremse. Das alles geschieht innerhalb weniger Sekunden – und vermutlich bekommen nicht einmal alle Passagiere mit, in welcher Gefahr sie geschwebt haben.

Ein Passagier, der den Vorfall registriert hat, kommt nach vorne. Er hilft Vanessa B., den Busfahrer auf den Boden zu legen. Sie registrieren keinen Herzschlag, beginnen mit der Reanimation. Vanessa B. macht gerade den Pkw-Führerschein, hat erst vor ein paar Wochen den Erste-Hilfe-Kurs absolviert. Nach wenigen Minuten ist der Rettungswagen da, bringt den Fahrer ins Krankenhaus. Der 47-jährige Mann aus Eschweiler liegt bis heute im künstlichen Koma.

Ein paar Minuten vor dem Zwischenfall – so berichten es Zeugen gegenüber der Polizei – hatte es einen größeren Streit am Bushof gegeben. Der Busfahrer war mit einem anderen Mann mächtig aneinander geraten. Der Mann muss schließlich entfernt werden. Ob sich der Busfahrer vor Fahrtbeginn dadurch zu stark aufgeregt hat, lässt sich derzeit nicht klären.

Seitdem krankgeschrieben

Der Rettungswagen muss an jenem 8. Dezember noch ein zweites Mal zum Unfallort ausrücken. Vanessa B. bricht zusammen, als sich die erste Aufregung gelegt hat. Sie steht unter Schock, lässt sich in der Nacht von ihrem Vater am Hansemann abholen. Seitdem ist sie krankgeschrieben. „Die Bilder der Nacht tauchen immer wieder auf“, sagt sie. Und inzwischen hat sich der Gedanke eingenistet, was alles hätte passieren können an diesem Abend.

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