Aachen: 16.000 Risse! Wie gefährlich ist Belgiens Atomkraft?

Aachen: 16.000 Risse! Wie gefährlich ist Belgiens Atomkraft?

Risse im Reaktorkern, Explosion am AKW, Laufzeitverlängerung. Die Schlagzeilen um die beiden belgischen Atomkraftwerke (AKW) in Doel und Tihange reißen nicht ab. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was hat es mit den Rissen in den Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 auf sich?

Nur 65 Kilometer von Aachen entfernt: Das AKW Tihange in Huy liegt an der Maas. Im kleinen Foto sieht man ein Abklingbecken des Kraftwerks. Foto: Electrabel, dpa

Dass es Risse in den Druckbehältern der Atomreaktoren Doel 3 und Tihange 2 gibt, wurde erstmals im Sommer 2012 bekannt. Bei Ultraschalluntersuchungen wurden 8000 dieser Defekte in Doel und 2000 in Tihange entdeckt. Man ging damals von einer durchschnittlichen Größe von einem Zentimeter und einer maximalen Größe von 2,4 Zentimetern aus. Daraufhin wurden beide Reaktoren zunächst heruntergefahren. Jan Bens, Leiter der belgischen Atomaufsicht FANC (Federaal Agentschap voor Nucleaire Controle), sagte im Frühjahr 2013, die Reaktoren seien intensiv untersucht worden und zu „101 Prozent“ sicher, so dass Doel 3 und Tihange 2 Anfang Juni 2013 vom Betreiber Electrabel wieder hochgefahren wurden. Im März 2014 wurden sie auf behördliche Anordnung wieder heruntergefahren. Das sei eine „reine Vorsichtsmaßnahme“, ließ die FANC wissen.

c Foto: Andreas Steindl

Werden die Risse größer?

Vor wenigen Tagen korrigierte die FANC die Zahl der Risse nach oben: 3149 in Tihange sowie 13.047 in Doel. Kurze Zeit später wurden neue Zahlen zur Größe der Risse bekannt. Statt der bislang angegebenen maximalen Länge von 2,4 Zentimetern war von neun Zentimetern die Rede. Zur Tiefe der Risse in der 20 Zentimeter dicken Behälterwand werden keine Angaben gemacht. „Die Risse sind nicht größer geworden, sie wurden jetzt nur präziser per Ultraschall untersucht“, sagt Anne-Sophie Hugé, Sprecherin von Electrabel, im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Atomaufsicht hatte als eine Voraussetzung für ein potenzielles Wiederanfahren die verschärften Untersuchungen angeordnet. Zudem hat die FANC einen Fahrplan mit Anforderungen an Electrabel formuliert, wie FANC-Sprecher Sébastien Berg sagt. Die Termine für das Wiederanfahren wurden mehrmals verschoben. Derzeit strebt Electrabel Juli 2015 an. Kritiker bezweifeln, dass die Reaktoren jemals wieder Strom produzieren werden.

Wie sind die Risse entstanden?

Es gibt zwei Theorien: Entweder sind die Risse im laufenden Betrieb der Reaktoren oder bei der Herstellung der Druckbehälter in den 70er Jahren entstanden. „Die Risse waren von Anfang an vorhanden“, sagt Hugé. Sie seien auf Wasserstoffeinschlüsse bei der Herstellung zurückzuführen. Kritiker wie etwa das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie halten die erste Hypothese für plausibler. Die Defekte hätten zum Zeitpunkt der Herstellung erkannt werden können, heißt es im Bericht einer Fachkonferenz zu dem Thema vom März 2014. Insbesondere die Tatsache, dass beim Bau von Tihange 2 einem Teil des Druckbehälters die Abnahme wegen zu vieler Fehlstellen verweigert wurde, lege nahe, dass zu Betriebsbeginn keine Defekte vorhanden waren.

Sind die Risse gefährlich?

Für Electrabel steht fest, dass der Betrieb der Reaktoren gezeigt habe, dass die Stabilität durch die Risse nicht beeinflusst werde. Anne Marie Habraken, Direktorin des belgischen Nationalfonds für wissenschaftliche Forschung, teilt diese Ansicht. „Wenn die Risse bereits seit 40 Jahren existieren, müssen sie nicht unbedingt gefährlich sein“, sagte sie dem Sender RTBF. Man müsse nur genau beobachten, wie sich die Situation entwickelt.

Das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie fordert zunächst Aufklärung: „Die Frage, wie die Risse entstanden sind, lässt sich nur durch eine invasive Untersuchung klären“, sagt Bündnis-Sprecher Jörg Schellenberg im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Reaktor müsste aufgeschnitten und Material entnommen werden, was technisch aber nicht möglich sei. Deshalb gelte, besonders, weil die Atomenergie sehr gefährlich sei, das Prinzip der Konservativität: „Man muss den ungünstigsten Fall annehmen.“ Insofern plädieren Schellenberg und seine Mitstreiter für eine dauerhafte Abschaltung der Reaktoren.

Gibt es ein Umdenken bei der belgischen Atomaufsicht?

Mitte Februar ließ eine Meldung der als atomenergiefreundlich geltenden belgischen Atomaufsicht FANC aufhorchen. Unerwartete Ergebnisse der Untersuchungen der Riss-Reaktoren würden daraufhin deuten, dass „die mechanischen Eigenschaften des Materials stärker durch die radioaktive Strahlung beeinträchtigt wurden als von Experten bislang vermutet“. FANC-Chef Jan Bens, der von 2004 bis 2007 das AKW Doel leitete und dann zum Weltverband der Kernkraftwerksbetreiber wechselte, bezeichnete die nun beobachteten strahlungsbedingten Schäden gegenüber belgischen Medien als mögliches „globales Problem für den gesamten nuklearen Sektor“. Er empfiehlt eine genaue Untersuchung aller 439 Atomreaktoren weltweit. Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte von Greenpeace, sagt: „Es ist dringend notwendig, die Risse im Metall ernster zu nehmen als bisher und weltweit umfangreiche Untersuchungen durchzuführen.“

Was könnte im schlimmsten Fall in Doel und Tihange passieren?

Der Reaktordruckbehälter beherbergt die hoch radioaktiven Brennstäben. Während des Betriebs ist der Behälter hohen Temperaturen und Drücken sowie dem durch die Kernspaltung hervorgerufenen Neutronenbeschuss ausgesetzt. Die Atomkraftgegner befürchten, dass die Stabilität der Behälter in Doel und Tihange durch die Risse nicht mehr gewährleistet ist. Die Folge könnte ein Leckschlagen oder Bersten des Druckbehälters sein, was wiederum zur Kernschmelze und letztlich zur Freisetzung von radioaktiver Strahlung führen kann.

Was wären die Folgen eines Reaktorunfalls?

140 Kilometer Luftlinie beträgt die Entfernung von Aachen bis nach Doel, das kurz hinter Antwerpen liegt. Und bis nach Tihange sind es aus Aachen nur 65 Kilometer. „Das ist ungefähr die Entfernung zwischen der Stadt Fukushima und dem dortigen AKW“, sagt Jörg Schellenberg. Die drei Reaktoren in Tihange könnten demnach auch Aachen 1, 2 und 3 heißen. Zum Vergleich: Der nächste deutsche Meiler im Emsland liegt etwa 200 Kilometer entfernt. Insgesamt liegen sogar fünf ausländische AKW näher an Aachen als das AKW Emsland (siehe Grafik oben).

Eine Kernschmelze könnte nach Ansicht von Schellenberg das Szenario von Fukushima in den Schatten stellen. „Wir haben hier nicht die Gnade des Pazifiks vor der Tür. Ein solcher Unfall würde immer dicht besiedelte Ballungsräume treffen“, sagt der Anti-Atomaktivist. Maximaler Schaden wäre programmiert. Auch, weil eine Atomwolke an Grenzen nicht Halt macht, der internationale Katastrophenschutz zwischen Belgien, Deutschland und den Niederlanden durch die Grenzen aber durchaus behindert wird.

Der Noteinsatzplan für nukleare Risiken existiert in Belgien seit 1991. Im Umkreis der Kernkraftanlagen ist jeweils eine Zone festgelegt worden, in der die verschiedenen Behörden Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung vorbereiten. Für die Anlagen in Doel und Tihange werden diese Maßnahmen in einem Umkreis von 20 Kilometern vorbereitet.

Welche anderen Probleme gibt es in Tihange und Doel?

Die beiden belgischen AKW mit ihren drei (Tihange) und vier (Doel) Reaktoren gelten als Pannenkraftwerke. Erst im November 2014 gab es an einem Transformator außerhalb des nuklearen Bereichs von Tihange 3 eine Explosion. Der Reaktor wurde 48 Stunden lang abgeschaltet. Im Juli 2012 wurde bekannt, dass in Tihange aus einem Abklingbecken täglich zwei Liter radioaktiv belastetes Wasser austreten. Darüber hinaus gibt es Probleme mit Betonkorrosion an der Schutzhülle insbesondere von Tihange 2.

In Doel gab es den letzten Vorfall im August 2014. Durch Ölverlust kam es zu einem schweren Turbinenschaden an Reaktor 4, der bis zum Dezember vom Netz getrennt wurde. Betreiber Electrabel vermutete Sabotage als Grund für den Ölverlust.

Im Rahmen der EU-weiten Stresstests, die nach der Atom-Katastrophe von Fukushima beschlossen wurden, wurde vor allem in Tihange ein fehlender Hochwasser- und Erdbebenschutz bemängelt. Bei beiden AKW sei bei Flugzeugabstürzen die Sicherheit nicht gewährleistet.

Belgien hat den Atomausstieg beschlossen. Warum schaltet das Land die AKW nicht ab?

Belgien hat bereits 2003 beschlossen, bis 2025 aus der Atomkraft auszusteigen. Diese Entscheidung sieht ein Verbot von AKW-Neubauten vor und eine maximale 40-jährige Betriebsdauer der bestehenden AKW. Demnach müssten in diesem Jahr Doel 1 und 2 sowie Tihange 1 abgeschaltet werden. Durch den Ausfall der Riss-Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 und dem zeitweiligen Ausfall von Doel 4 befürchtete die als atomenergiefreundlich geltende liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Charles Michel besonders im Winter Versorgungsengpässe. Als Tihange 3 im Winter 48 Stunden lang abgeschaltet war, sei es etwas eng gewesen, sagt Ariane van Caloen, Sprecherin des belgischen Energieministeriums auf Anfrage. Für den kommenden Winter werde man die strategische Stromreserve erhöhen. Die Sorgen wegen eines Blackouts bestätigten sich im vergangenen Winter nicht. „Zum Glück war es nicht so kalt“, sagt van Caloen.

Schellenberg vom Anti-AKW-Bündnis sieht die Atomkraft eher als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung: „Durch die riesigen Anlagen wird ein Ausfall ja erst zum Problem. Wenn man verstärkt auf kleinere und dezentrale Stromproduktionseinheiten setzt, hat ein Ausfall nicht solche dramatische Folgen“, sagt er.

Wie sieht es mit der Energiewende aus?

Belgien ist ein traditionelles Atomstromland. Der Ausbau erneuerbarer Energien oder von neuen Gaskraftwerken kommt nicht so recht voran. Dennoch sieht das Energieministerium das Land auf einem guten Weg. Die Ausgangslage in Belgien entspreche der in Deutschland vor dem Beschluss zum Ausstieg, sagt van Caloen. Das Gesetz zum Atomausstieg sei in Kraft und werde umgesetzt. Zurzeit arbeite die Regierung an einem Energie-Pakt, dessen erster Entwurf im Winter vorgestellt werden solle. Man werde alle Energiequellen gleichberechtigt untersuchen. Allerdings ist der Bereich erneuerbare Energien in Belgien Aufgabe der Regionen. „Nur die Regionen können entscheiden, ob sie etwa Photovoltaikanlagen fördern, nicht wir“, sagt van Caloen. Electrabel, der führende Energiedienstleister in Belgien, produzierte 2013 vor allem Atomstrom (61 Prozent). 24 Prozent des Stroms stammte aus Gaskraftwerken. Lediglich 4,3 Prozent des Stroms wurde aus erneuerbaren Energiequellen produziert.

Rührt daher auch das Bemühen, die Laufzeiten für Doel 1 und Doel 2 zu verlängern?

Beim Atomausstieg haben die Gesetzgeber eine Lücke gelassen. In Fällen von höherer Gewalt oder einer Bedrohung der Versorgungssicherheit kann die Laufzeit über die 40 Jahre hinaus verlängert werden. Die Laufzeit von Reaktor Tihange 1, der im Oktober 2015 die 40 Jahre Betriebszeit erreicht, wurde bereits 2012 per Ministerbeschluss um zehn Jahre verlängert. Betreiber Electrabel, eine Tochter des französischen Energieunternehmens GDF Suez, verfolgt einen ähnlichen Plan für Doel 1 und 2. Vorher müsse Electrabel aber zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen treffen, sagt FANC-Sprecher Berg. Die Regierung hat prinzipiell eine Zustimmung für eine Laufzeitverlängerung signalisiert, diese aber bislang noch nicht in Beschlussform gegossen. Deswegen wurde Doel 1 am 15. Februar abgeschaltet. Vorerst. Am 1. Dezember wäre Doel 2 fällig. „Die Verhandlungen über das Gesetz dauern an“, sagt van Caloen. Electrabel müsse für eine Verlängerung aber zahlen.

Was kostet Electrabel das?

Electrabel will für die zehnjährige Laufzeitverlängerung von Doel 1 und 2 bis zu 700 Millionen Euro investieren. Dieser Betrag lässt erahnen, wie viel Geld das Unternehmen mit den AKW verdient. Kernkraftwerke sind die teuersten Energieanlagen, die es gibt, weil sowohl der Bau als auch die Entsorgung extrem kostspielig sind — Kosten, die der Verbraucher über den Strompreis und Subventionen übrigens mitträgt. Deshalb hängt ihre Wirtschaftlichkeit stark von der Laufzeit ab. Die Baukosten von Doel und Tihange haben sich längst amortisiert. Wie viel Geld Electrabel mit den AKW verdient, lässt sich schwer ermitteln. Für 2011 gab das Unternehmen einen Gewinn von 750 Millionen Euro an. Ein Betrag, der von der belgischen Regulierungsbehörde CREG stark angezweifelt wurde, die einen Gewinn zwischen 1,75 Milliarden und 2,3 Milliarden Euro annahm. Der belgische Staat profitiert ebenfalls. Er schöpft einen Teil des Gewinns über Steuern ab.

Jörg Schellenberg kritisiert die fehlende Innovationsbereitschaft in der Energiewirtschaft: „Wenn etwa die Riss-Reaktoren vom Netz gingen, dann wären das zwei Gigawatt Leistung, für die es Abnehmer gibt. Dieses Geld könnte man gut in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren.“