Städteregion: NRW-Modellprojekt: Auch die Städteregion kämpft gegen Energiearmut

Städteregion: NRW-Modellprojekt: Auch die Städteregion kämpft gegen Energiearmut

Erst kommen die Rechnungen, dann die Mahnung und schließlich sitzt man im Dunkeln. Im wahrsten Sinne des Wortes gingen in der Städteregion Aachen im vergangenen Jahr in etwa 4000 Haushalten die Lichter aus. Und nicht nur das: Wenn der Strom abgestellt wird, ist es vorbei mit der warmen Heizung und warmen Mahlzeiten.

Das Projekt „NRW bekämpft Energiearmut“ soll Menschen in Zahlungsnot helfen, damit es nicht soweit kommt.

Bereits seit Herbst 2012 wird die kostenfreie Budget- und Rechtsberatung bei Energiearmut in Aachen, Bielefeld, Bochum, Dortmund, Köln, Krefeld, Mönchengladbach und Wuppertal angeboten. Im März wurde das Projekt ausgeweitet, so dass auch Bürger der gesamten Städteregion die Beratung nutzen können. „Es ist wichtig, dass sich Menschen in Not an uns wenden, bevor ihnen der Strom abgestellt wird“, sagt Claudia Schmitz, Leiterin der Beratungsstelle der Verbraucherzentrale in Alsdorf.

Es sei meist weitaus schwieriger nach der Haushaltssperrung wieder für Strom zu sorgen, als die Abschaltung zu verhindern. 2014 wurde in Deutschland fast 352 000 Haushalten der Strom abgedreht. Im Jahr 2013 wurden mit 344.000 Haushalten knapp 8000 weniger vom Netz genommen. Fast 100.000 davon allein in Nordrhein-Westfalen. Die Tendenz sei steigend, sagt Schmitz. Deshalb habe man sich in der Städteregion bemüht, die kostenlose Beratung für Bürger einzurichten.

Mit „NRW bekämpft Energiearmut“ soll die Verbraucherzentrale mit den örtlichen Grundversorgern kooperieren, um Menschen, die nicht wissen, wie sie die Stromrechnung zahlen sollen, dabei zu helfen, dass der Strom nicht abgestellt wird. Mit Schwerpunkt auf die Energieausgaben werden dabei die Einnahmen und die Ausgaben der Verbraucher geprüft und ein Lösungskonzept entwickelt, wie die Stromkosten doch noch gezahlt werden können.

Ute Königs führt seit März die Beratungsgespräche im Nordkreis. „Ich kann einfach weiter gehen, als die Beratungen das bisher zugelassen haben und dabei helfen, das Problem auf Dauer zu umgehen.“ Dabei müsse sie sehr fallorientiert vorgehen. Sie habe ein älteres Ehepaar beraten, er habe Rente erhalten, seine Frau Arbeitslosengeld II bezogen. Da die Ehefrau erkrankt sei, habe der Mann die Finanzen geregelt. Das sei ihm aber immer weiter entglitten. „Die beiden haben immens hohe Energiekosten“, sagt Königs.

Dass der Strom abgestellt wird, habe das Ehepaar verhindern können — mit dem Sparplan, den es mit Königs erarbeitet hatte. „Die neue Beratung geht aber weiter“, betont Königs den Unterschied zu der allgemeinen Energie- und Kostenberatung der Verbraucherzentrale. Königs hat jetzt eine Problemanalyse eingeleitet. Im Haus des Rentner-Paars sollen die Energiefresser ausfindig gemacht werden. „Wenn hier nicht genau hingesehen wird, stehen die beiden im kommenden Jahr möglicherweise vor dem gleichen Problem und können ihre Stromrechnung nicht bezahlen.“

Die Zahlungsprobleme haben viele Gründe. Überschuldung und Arbeitslosigkeit seien nicht selten Teil des Problems. „Weil der Regelzuschuss bei Hartz IV nicht an die aktuellen Strompreise angepasst ist“, sagt Königs. Das sei ein Problem, an dem die Politik arbeiten müsse. Für den Verbraucher ist es aber nicht zwingend ein Grund zu verzweifeln, „es ist wichtig zu sehen, dass es viele Stellschrauben gibt, an denen man drehen kann.“ Betroffene sollten aber früh reagieren, wiederholte Mahnungen und die Haushaltssperrung würden einkommensbenachteiligte Haushalte noch weiter belasten.

Durch die direkte Kooperation mit den Energieversorgern und gegebenenfalls auch dem Jobcenter könne vielen Menschen jetzt leichter geholfen werden, sagt Königs. Die Energieunternehmen beteiligten sich gern an dem Modellprojekt, sagt Claudia Patelczyk, kaufmännische Hauptabteilungsleiterin bei der EWV. Zahlungsausfälle und -rückstände würden auch die Energieunternehmen belasten. Mit der Unterstützung des Landesprojekts hoffe sie, dass die Energieschuldenproblematik dauerhaft angegangen werde. Auch Joachim Pritzkat, Abteilungsleiter bei Enwor, sagt, er hoffe, dass das Beratungsangebot Zahlungsproblemen entgegenwirke. Kunden könnten sich auch direkt an das Unternehmen wenden, nur frühzeitig eben.

Mehr von Aachener Zeitung