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Interview mit Aiman Mayzek: „Die Religion wurde gekidnappt“

Von: Joachim Zinsen
Letzte Aktualisierung:
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Aiman Mazyek: Wir können und müssen gesellschaftliche Schranken aufbauen, durch die jede Form von Rassismus ins Abseits gestellt wird.

Aachen. Aiman Mazyek wirbt seit Jahren unermüdlich für religiöse Toleranz. Angesichts des IS-Terrors und der „Pegida“-Bewegung ist das derzeit nicht eben eine leichte Aufgabe. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

 

Herr Mazyek, was war für Sie im ausgehenden Jahr das schönste Ereignis, die schönste Erfahrung?

Mazyek: Spontan fällt mir die Fußball-Weltmeisterschaft und insbesondere das Spiel Deutschland gegen Brasilien ein. Fünf Minuten nach dem Anpfiff begann auch das Fastenbrechen. Ich saß mit meiner Familie im Wohnzimmer vor dem Fernseher und wir bekamen die Bissen kaum herunter, weil ein Tor nach dem anderen fiel. Zur Halbzeit waren die Teller immer noch voll. Für mich war dieser Juli-Abend als Muslim und Fan der Nationalmannschaft ein doppelter Feiertag.

Und was war die bitterste Erfahrung?

Mazyek: Die Anschläge auf Moscheen in Deutschland. Seit 2001 sind laut Innenministerium über 300 Moscheen in Deutschland attackiert worden Die wenigsten Taten wurden aufgeklärt. Die zweite äußerst bittere Erfahrung ist die katastrophale Entwicklung in Syrien und im Irak, das unbeschreibliche Leid der Menschen dort. Neben der Brutalität des Assad-Regimes erleben sie jetzt zusätzlich noch die der IS-Terroristen. So etwas verdient niemand.

Hat sich durch das Auftauchen der IS das Bild verschlechtert, das sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft vom Islam macht?

Mazyek: Ja, ganz massiv. Muslime erleben auch in Deutschland gerade einen medialen Supergau. Es ist nur den vielen Menschen unterschiedlichen Glaubens, die trotz der nicht gerade einfachen Gemengelage den Durchblick bewahrt haben, zu verdanken, dass wir in der Gesellschaft nicht auf eine noch schlechtere Resonanz stoßen und der soziale Kitt noch funktioniert.

Was haben radikale Islamisten und Salafisten mit dem Islam zu tun?

Mazyek: IS-Anhänger sind brandgefährliche Mörder und haben mit unserer Religion nichts zu tun. Im Gegenteil: Sie haben unsere Religion gekidnappt. Neo-Salafisten, so nenne ich sie, sind meist religiöse Analphabeten. Sie gehören einer Protestbewegung an, die sich das Mäntelchen „Islam“ übergeworfen hat.

Warum prägen sie trotzdem das Bild vieler Deutschen vom Islam und nicht die übergroße Mehrheit der friedliebenden Muslime?

Mazyek: Das liegt vor allem an der Prägung durch die mediale Berichterstattung der vergangenen Jahre. Sie hat bei bestimmten Bevölkerungsschichten die Angst vor dem Islam genährt.

Herrscht in Deutschland inzwischen eine regelrechte Islamophobie?

Mazyek: Alle Studien belegen, dass wir in unserer Gesellschaft leider einen sehr hohen Grad an Islamfeindlichkeit haben. Die Wissenschaft spricht inzwischen von einem antimuslimischen Rassismus und sieht ähnliche Mechanismen wie beim Antisemitismus. Der Unterschied ist: Beim Antisemitismus haben wir in Deutschland Gott sei Dank gelernt, dass er ein Tabu ist. Wir wissen, dass jeder, der gegen diese Konvention verstößt, die Tür zur Menschenverachtung öffnet und deshalb geächtet werden muss. Diese Einsicht ist beispielsweise im Kontext des Antiziganismus bereits deutlich schwächer ausgebildet. Am niedrigsten aber ist der Wall gegen Islamfeindlichkeit. Den Sumpf des Rassismus kriegen wir leider nicht völlig ausgetrocknet. Das wird beim Antisemitismus deutlich. Wir können und müssen aber gesellschaftliche Schranken aufbauen, durch die jede Form von Rassismus ins Abseits stellt wird.

Was können Muslime tun, damit das Bild der Öffentlichkeit vor ihnen besser wird?

Mazyek: Im vergangenen September organisierten die islamischen Religionsgemeinschaften den Aktionstag „Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht“. Zehntausende haben daran teilgenommen in über 1000 Moscheegemeinden fanden Friedenskundgebungen im Anschluss an das Freitagsgebet statt, die zur Aufklärung beitrugen, dass der Islam Barmherzigkeit ist und zum Frieden und Versöhnung aufruft. Die Spitzen aus Politik, Zivilgesellschaft und Kirchen sind alle gekommen. Es war ein deutlicher Schulterschluss der Muslime mit der Gesellschaft, mit ihrem Land Deutschland. Solche Tage muss es häufiger geben. Diese Forderung kommt übrigens auch aus den muslimischen Gemeinden.

Und warum geschieht das nicht?

Mazyek: Es herrscht zu meinem Leidwesen eine gewisse Passivität unter vielen Muslimen. Sie ist erklärbar. Wer Tag für Tag mit schrecklichen Nachrichten konfrontiert wird, wer Tag für Tag sieht, welches Leid Menschen in islamischen Ländern erfahren, was auch Terroristen des IS und anderer Gruppen Muslimen und anderen Religionen antun, wird passiv, bisweilen verzweifelt. Ihm fehlt oft die Kraft, sich dagegen aufzulehnen. Aber für mich persönlich ist das keine Entschuldigung. Ich glaube, dass wir gerade jetzt umso aktiver sein müssen, unser Glauben stärkt uns dazu. Mein Traum für das Jahr 2015 ist es, einen Marsch für den Frieden nach Berlin, einen Aufstand der Anständigen in Deutschland zu organisieren.

Glauben Sie mit solchen Aktionen Leute erreichen zu können, die von einer Islamisierung des Abendlandes schwadronieren und der Meinung sind, in zehn Jahren müssten alle Frauen in Deutschland mit einer Burka herumzulaufen?

Mazyek: Die Mehrheit erreicht man und stärkt sie dadurch. Minderheiten mit radikalen Ansichten überzeugt man mit rationalen Argumenten eher nicht. Wenn es überhaupt eine Chance gibt, sie aus ihrer kruden Gedankenwelt zu befreien, dann nur, wenn wir Muslime uns noch stärker als bisher in den Alltag, auch im Sinne eines schönen Vorbildes, engagiert zum Beispiel bei der Feuerwehr oder der Bahnhofsmission, einbringen und diese Leute uns dann als Bürger, wie du und ich, wahrnehmen.

Die antimuslimische Stimmung wird von der Bewegung „Pegida“ aufgenommen. Für wie gefährlich halten Sie diese Organisation?

Mazyek: Für noch gefährlicher als „Pegida“ halte ich eine Entwicklung, die wir schon seit Jahren beobachten. Nämlich die immer größere Politikverdrossenheit. Viele Leute gehen nicht mehr wählen, sind gegen das System, wie sie sagen, oder wählen rechtsradikal, hängen Verschwörungstheorien an. Diese Leute sammeln sich jetzt in der „Pegida“. Hinter dieser Bewegung steckt mehr als nur Islamophobie.

Wie soll auf „Pegida“ reagiert werden. Ist ein Dialog mit diesen Leuten möglich?

Mazyek: Ich lehne es ab, Verständnis für die Anhänger von Rassismus zu haben. Aber wir sollten den Fehler vermeiden, die von einigen zu recht artikulierten sozialen Ängste nicht ernst zu nehmen. Sie haben Angst davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, sie haben Angst davor, dass ihre Rente nicht mehr ausreichen wird, sie haben Angst davor, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Um diese Ängste muss sich die Politik kümmern.

Herr Mazyek, wie wirkt sich die negative Stimmung auf die muslimischen Gemeinden aus?

Mazyek: Einerseits herrscht große Sorge, dass Übergriffe und Anschläge auf Muslime noch weiter zunehmen, andererseits, dass Ex-tremisten jeglicher Couleur den Hass und die Zwietracht unter der Bevölkerung weiter antreiben.

Wie macht sich die Angst bemerkbar?

Mazyek: Die Pöbeleien haben deutlich zugenommen. Manche Frauen, die ein Kopftuch tragen, überlegen sich deshalb inzwischen, ob sie ein öffentliches Verkehrsmittel oder doch lieber das eigene Auto nehmen. Das klingt wie eine Kleinigkeit, macht aber deutlich, welche Verunsicherung unter Muslimen derzeit bereits herrscht.

Besteht die Gefahr, dass sich Muslime durch die Ressentiments, die sie spüren, aus der Gesellschaft zurückziehen?

Mayzek: Bei manchen Muslimen fördert die gespürte Ablehnung das Gegenteil. Sie engagieren sich umso mehr. Bei einem anderen Teil beobachten wir aber Resignation und Rückzug. Diese Leute werden dadurch natürlich nicht zugleich Anhänger von Extremisten. Doch das Prinzip „Leben und leben lassen“ findet praktisch eingeschränkt statt. Wir dürfen diese Alarmsignale nicht übersehen.

Es gibt aber auch eine kleine Gruppe von muslimischen Jugendlichen, die sich von radikal-islamistischen Ideologien angezogen fühlen. Haben die muslimischen Verbände noch Zugang zu diesen Leuten?

Mazyek: Ich wünschte, es gäbe ihn. Wir haben aber aus zwei Gründen kaum Zugang. Auf der einen Seite kommen die wenigsten der Radikalisierten noch in die Gemeinden. Auf der anderen Seite haben aber auch die meisten Gemeinden Angst davor, dass diese Leute zu ihnen kommen. Wenn das nämlich öffentlich wird, steht die Gemeinde am Pranger. Wir haben inzwischen die kaputte Situation, dass die Gemeinden mehr Angst davor haben, an den Pranger gestellt zu werden, als das einzelne Personen vor die Hunde gehen. Dabei bräuchten wir dringend Räume, in denen wir zumindest mit jenen, die auf der Kippe stehen, sprechen können um ihnen klarzumachen, dass sie eine Todsünde begehen, wenn sie Scharlatanen hinterherlaufen.

Es fehlt also an Prävention?

Mazyek: Natürlich. Ich fordere seit Jahren einen Sektenbeauftragten unter Muslimen. Ich fordere seit Jahren, Imame besser politisch fortzubilden. Sie müssen Strategien lernen, mit denen sie auf radikale Äußerungen reagieren können. Wir brauchen ähnliche Strukturen wie beim Kampf gegen den Rechtsextremismus. Leider hat die Politik da viel zu wenig getan.

Hat nur die Politik versagt? Oder haben auch die muslimischen Verbände zu wenig gegen die Extremisten unternommen?

Mazyek: Selbstkritisch formuliert: Ja, auch wir Muslime haben den religiösen Extremismus unterschätzt, haben zu selten die glasklare Kante mit deren Denkweisen gesucht. Das müssen wir verbessern. Was die Politik angeht, sie muss endlich die Dinge anpacken und nicht ständig von Prävention reden und nur mit Repression arbeiten. Denn dann ist es zu spät.

Sie distanzieren sich immer wieder von islamistischen Tendenzen und Terroranschlägen. Wird das ausreichend wahrgenommen?

Mazyek: Das Wort „distanzieren“ bereitet mir Schwierigkeiten. Niemand kommt auf die Idee, von allen Norwegern zu verlangen, sich von den Wahnsinnstaten eines Anders Breivik zu distanzieren. Warum wird von den Muslimen gefordert, sich beispielsweise von den pakistanischen Taliban zu distanzieren? Das sind Massenmörder, die Kinder massakrieren, weil es ihnen um die politische Macht geht. Nein, man kann sich nur von etwas distanzieren, zu dem man eine Nähe vorher hatte. Und zu Mord und Terror gibt es die nicht. Beides gehört aufs Schärfste verurteilt. Das machen wir immer wieder. Wer es hören, lesen oder sehen will, kann das.

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