Erdogan spaltet deutschtürkische Community: Ditib als Instrument?

Von: Yuriko Wahl-Immel, dpa
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Das harte Durchgreifen Erdogans in der Türkei belastet auch die türkische Community in Deutschland. Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Köln. Die Wirkung reicht bis in die türkische Community in Deutschland hinein: Das rigide Vorgehen von Präsident Recep Tayyip Erdogan gegen vermeintliche Gegner in der Türkei treibt auch viele der drei Millionen türkischstämmigen Menschen hierzulande um.

Die Spaltung in Anhänger und Kritiker Erdogans sei unübersehbar geworden, bilanziert der deutsch-türkische Journalist Hüseyin Topel ein Jahr nach dem Putschversuch. „Wer oppositionell gegen Erdogan eingestellt ist, traut sich das auch in Deutschland weiterhin nicht zu sagen.” Aus Angst davor, denunziert zu werden, aus Sorge vor Ausgrenzung. „Und weil man befürchtet, bei einer Reise in die Türkei Probleme zu bekommen.”

Topel: „Vor allem wer Sympathien für die Gülen-Bewegung äußert, wird isoliert, auch Freunde wenden sich ab.” Ankara macht den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich, was dieser zurückweist. Die Erdogan-Opposition sei auch in Deutschland zersplittert, ein entspanntes Zusammenleben erschwere das noch, schildert Topel. Die Stimmung sei aber nach dem Referendum im April insgesamt „nicht mehr ganz so aufgeheizt”. Manche hätten resigniert. Er sieht die Organisation UETD (Köln) als treibende Propaganda-Kraft zugunsten der türkischen Regierungspartei AKP und Erdogans. Aber auch die Ditib sei ein Instrument Ankaras.

Ähnlich äußert sich Islamexpertin Susanne Schröter: „In der Türkei wird der Islam als Rechtfertigung für die Abschaffung der Demokratie missbraucht. Die Ditib versucht, den Erdogan-Kurs in ihrem Moscheegemeinden in Deutschland durchzusetzen.”

Die Türkisch-Islamische Union Ditib sei immer schon verlängerter Arm der Religionsbehörde Diyanet in Ankara und der türkischen Regierung gewesen. Anlass zu Sorge aber nun: „Unter der AKP und Erdogan sind Politik und Islam eine untrennbare Vereinigung eingegangen, die in eine islamistische Richtung geht”, betont die Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam, Uni Frankfurt.

„Der Ditib-Vorstand betreibt Hetze“

„Diyanet und Ditib versuchen, den fundamentalistischen Islam als alleinigen Islam in Deutschland hoffähig zu machen.” Auch hinter den aktuellen Anfeindungen gegen Seyran Ates, Gründerin einer liberalen Moschee in Berlin, sieht die Expertin Ankara, Diyanet und den größten Islam-Dachverband Ditib. „Das zeigt den unbedingten Willen, Einfluss zu nehmen auf die türkischstämmige Bevölkerung. Abweichungen vom türkischen Staatsislam werden nicht geduldet.”

Der Ditib-Vorstand werde seine Regierungsnähe nie aufgeben, glaubt auch Topel. Innerhalb der Ditib-Gemeinschaft brodele es. Wer sich klar von der Erdogan-Linie distanziere, habe es schwer: „Der Ditib-Vorstand geht da gnadenlos vor, betreibt Hetze, spricht von Verrätern oder setzt die Leute von ihren Posten ab. Viele aufgeklärte Jugendliche hat der Ditib-Vorstand schon vertrieben.”

NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) fordert von der Ditib-Spitze, dass „hier keine Erdogan-Politik vertreten wird”, sonst könne der Bundesverband nicht mehr Partner sein. Es gebe „eine Diskrepanz zwischen den Ditib-Gemeinden vor Ort und den Funktionären an der Spitze.” Er werde auch mit Reformbereiten an der Ditib-Basis über eine Zusammenarbeit sprechen, sagt Stamp, Mitglied der neuen schwarz-gelben Regierung in NRW.

Reformkräfte anzusprechen, sei richtig, findet Schröter. „Unter fast 1000 Ditib-Moscheegemeinden sind nicht alle Erdogan-treu. Die Frage ist allerdings, wieviel Handlungsspielraum Gemeinden haben, die mit dem Kurs der Ditib-Spitze nicht übereinstimmen.” So sei der Vorstand der liberalen Berliner Sehitlik-Moschee ebenso abgesetzt worden wie zwei Mitglieder des Bundes-Jugendvorstands.

Millionensummen an die Ditib

Die Ditib in Köln wehrt sich gegen die Vorwürfe. „Wir sind de facto eine Religionsgemeinschaft und agieren entsprechend”, sagt Generalsekretär Bekir Alboga. Eine Kooperation mit der Diyanet „in religiösen Diensten” sei nötig. „Gleichwohl weise ich entschieden zurück, dass durch die Zusammenarbeit eine politische Einflussnahme in Moscheen möglich sein soll.”

Nach der Spitzelaffäre von Ditib-Imamen, die an Ankara angebliche Gülen-Anhänger meldeten, gebe es eine „Irsinns-Verunsicherung” unter türkischen Muslimen, beklagt Stamp. Grundsätzliche Pflicht der Politik: „Den hier lebenden türkischstämmigen Menschen klarzumachen, dass wir für sie da sind - und nicht Herr Erdogan.”

Schröter kritisiert, dass der Bund weiter Millionensummen an die Ditib fließen lasse, etwa aus dem Familienministerium. Und fordert: „Politik, Zivilgesellschaft und Kirchen müssen den Muslimen, die sich drangsaliert, nicht vertreten oder oft zu Recht auch verlassen fühlen, die Hand reichen, ihnen mehr Partizipation ermöglichen. Und sie brauchen auch einen besseren Schutz.”

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