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Ergreifendes Solo-Stück im Grenzlandtheater

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Sie legt in dem Schauspiel „Das Jahr magischen Denkens“ im Aachener Grenzlandtheater ein grandioses Solo hin: Gundi-Anna Schick erntet Standing Ovations. Foto: Kerstin Brandt

Aachen. „Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.“ Das Undenkbare, das nicht einmal entfernt Gedachte – plötzlich bricht es unvermittelt herein in die so selbstverständlich endlos geglaubte eigene Welt. Und jeden wird es treffen.

„Sie auch!“, sagt Joan Didion und erhebt sich – soeben am Rande des Parketts im Aachener Grenzlandtheater von einem Lichtkegel aus dem Publikum herausgehoben – von ihrem Sessel und geht hinunter auf die Bühne.

Joan Didion, das ist die 1934 in Kalifornien geborene Schriftstellerin, die 2005 einen autobiografischen Roman über den Tod ihres Mannes und die Krankheit ihrer Tochter veröffentlicht hat, 2006 auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Das Jahr magischen Denkens“. An diesem Abend im Grenzlandtheater verkörpert die Schauspielerin Gundi-Anna Schick jene Joan Didion und steht 90 Minuten lang ganz allein auf der Bühne.

Monate, nachdem ihr Mann John beim Abendessen plötzlich einen Herzinfarkt erlitt und starb, hat Joan wieder Worte gefunden, um ihr jäh zu Ende gegangenes altes Leben zu erzählen – um die Zuschauer ausdrücklich auf deren unvermeidliches eigenes Schicksal vorzubereiten. Und Gundi-Anna Schick macht das als Figur der Joan in der Bühnenfassung des Romans auf so atemberaubend fesselnde Weise in der sensiblen Regie von Uwe Brandt, dass man während dieser anderthalb Stunden das Fallen einer Stecknadel hätte hören können.

Weiß wie unbeschriebenes Papier, das unverzichtbare Handwerkszeug einer Autorin, so stellt sich die Szenerie im Bühnenbild (Manfred Schneider) dar: Nur die aufgemalten schwarzen Konturen der Tür und Vertäfelungen an der Wand heben sich davon ab wie die schwarzen Kanten der weißen Sessel des Wohnzimmers, in dem John starb.

Ungläubige Fassungslosigkeit

Die ungläubige Fassungslosigkeit und Verzweiflung – sie sprechen noch immer aus ihrem Blick. Alles war doch irgendwie so normal – wenn man überhaupt von „normal“ sprechen kann, wenn als zweite Katastrophe gleichzeitig auch noch die Tochter auf der Intensivstation im Koma liegt.

Das Nicht-wahr-haben-wollen bremst zunächst die Trauer. Und die lebenslang eingeübte Gewohnheit, alles unter Kontrolle zu haben – sie bestimmt Joans Denken und Handeln auch noch in den Situationen, in denen es nichts mehr zu kontrollieren gibt. Penibel sorgt sie sich um Daten, Fakten, Zeiten, erinnert sich an Gespräche mit Ärzten und Sozialarbeiter. Die Tochter liegt, ehe auch sie stirbt, dreimal im Koma – stets mit einer anderen Krankheit. Joan wird mehr und mehr zur Expertin für medizinische Zusammenhänge – hin und her gerissen zwischen Zwang zu sachlichem Umgang und Chaos der Gefühle.

Das gemeinsame Familienleben in glücklichen Tagen zieht kaleidoskopartig an Joan in Erinnerungen vorüber – dann leuchtet ihr Gesicht hell auf. Getrübt allerdings vom immer gleichen Motiv: ihrer Fahndung nach möglichen frühen Anzeichen für die spätere Katastrophe. Hatte er womöglich Vorahnungen? Ihr wichtige Worte schreibt Joan – ganz Autorin – auf die weiße Wand, etwa: „Das Leben ändert sich in einem Augenblick.“

Ein mordsmäßig schwieriger Text, den Gundi-Anna Schick bei ihrem grandiosen Solo mit jeder Faser ihrer Erscheinung so intensiv und ergreifend zum Leben erweckt, dass es einem fast das Herz bricht. Das Publikum feiert sie zu Recht mit Standing Ovations.

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