Ein staunender Blick auf das Christentum

Von: Thomas Maier und Kathrin Zeilmann
Letzte Aktualisierung:
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Er gilt als Mittler zwischen dem westlichen und nahöstlichen Kulturkreis und den Religionen: der 1967 in Siegen geborene Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani. Am 10. November liest er im Rahmen der Reihe „Literatur zur Nacht“ im Aachener Dom. Foto: dpa
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Aus diesem Buch liest Navid Kermani am 10. November im Aachener Dom: „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ (C.H. Beck Verlag, 2017). Foto: dpa

Aachen/Köln. Navid Kermani und seinem Schaffen kann ein einziger Begriff gar nicht richtig gerecht werden: Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels des Jahres 2015 ist Schriftsteller und habilitierter Orientalist. Er ist der bekannteste muslimische Intellektuelle Deutschlands – und als Mittler zwischen dem westlichen und nahöstlichen Kulturkreis und den Religionen hochgeschätzt.

Außerdem ist er oft auch Reporter. So hat er etwa die nach Deutschland führenden Flüchtlingsrouten bereist. Kermani liest am Freitag, 10. November, um 19 Uhr, in der Reihe „Literatur zur Nacht“ im Aachener Dom aus seinem Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“.

Kermani, 1967 in Siegen geboren und dort als Sohn einer iranischen Arztfamilie aufgewachsen, lebt seit langem in Köln. „Es geht in der Literatur darum, dem Chaos, der Zufälligkeit, in der wir leben, einen Sinn zu verleihen“, ist sein Wahlspruch. Einer seiner Lieblingsschriftsteller ist der deutsche Dichter Jean Paul (1763-1825), dessen Fabulierlust schon Goethe mit „Tausendundeiner Nacht“ verglich. Ein Epos fast vergleichbaren Umfangs hat Kermani mit seinem 1200-Seiten-Werk „Dein Name“ (2011) geliefert. Es ist eine Mischung aus Tagebuch, Erzählung und Gesellschaftsanalyse.

In seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ (2015) outet sich Kermani als großer Bewunderer der Sinnlichkeit der katholischen Kirchenkunst. Wenn er auf das Christentum blickt, so macht er, der Muslim, das nicht, indem er sich Dogmen, Gebete, Grundüberzeugungen herausgreift, untersucht, diskutiert oder mit dem Islam vergleicht. Nein, Kermani versenkt sich in die christliche Bilderwelt. Geschaffen von Künstlern wie Dürer, Caravaggio, El Greco, Reni. Sie haben biblische Geschichten und große Heilige dargestellt – und dabei freilich auch eine bestimmte Intention verfolgt. Wenn Kermani sich in ihre Werke vertieft, ist er Interpret der Interpretation. Das erlaubt Gedankenspiele und Emotionen statt dröger theologischer Fakten und Lehrsätze. Es ist also ein lohnender Umweg.

Der 49-Jährige ist fasziniert vom Christentum. Er staunt, wie der Buchtitel es beschreibt. Und das ist ja nicht der schlechteste Weg, einer Religion zu begegnen. Im Gegenteil: Dem Staunen wohnt ein grundsätzliches Wohlwollen inne. Auch wenn es kritische Passagen gibt, wie etwa die über das Kreuz. Oder wenn deutlich wird, dass die katholische Eucharistie mit ihrem Verständnis, dass sich Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln, lauter Fragezeichen hinterlässt.

Kermani nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise in die Innenwelt des Christentums, genauer gesagt des Katholizismus: Schließlich war für das Buch auch Kermanis Aufenthalt in Rom als Stipendiat der Villa Massimo prägend. Und er lebt im katholischen Köln.

Er stellt Fragen, die manch einer, der zwar noch brav seine Kirchensteuer zahlt und hin und wieder einen Gottesdienst aufsucht, nicht mehr stellt oder nie gestellt hat. Man lernt durch Kermani die Schönheit des Christentums neu kennen, die Traditionen, Gebräuche, Gedankengebilde, aber auch seine verstörenden Elemente, seine dunkle Seiten, seine offenen Fragen.

Es ist ein subjektives Buch, das keinen Anspruch erhebt, theologisches Dokument zu sein. Der Ton ist mal plaudernd, mal meditativ-nachdenklich, kaum pathetisch. Außer, es geht um die Grundfesten des Glaubens und um Menschen, die ihn besonders faszinieren: So etwa der Heilige Franziskus, der sich der christlichen Ideologie des Heiligen Krieges gegen den Islam nie angeschlossen und um Frieden geworben habe.

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