Heinsberg: Müssen Ratsfrauen „hart gesotten” sein?

Heinsberg: Müssen Ratsfrauen „hart gesotten” sein?

In deutschen Mittelstädten (30 000 bis 50 000 Einwohner) sind Frauen in der Kommunalpolitik oft auf verlorenem Posten - das ist das erste Fazit der Untersuchung des Genderrankings deutscher Mittelstädte 2011, das ein politikwissenschaftliches Forscherteam an der Fernuniversität in Hagen im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung erstellt hat.

Der Anteil der weiblichen Ratsmitglieder beträgt demnach in der Regel ein gutes Viertel. Zum Vergleich: In den Großstädten sind die Frauenanteile, wie eine Erhebung der Forschergruppe aus dem Vorjahr zeigt, durchschnittlich deutlich höher. Dort liegt der Frauenanteil unter den Ratsmitgliedern immerhin schon bei 32,9 Prozent. Ein Blick in den Heinsberger Ratssaal zeigt allerdings, dass dieser selbst bei den Mittelstädten, zu denen die Kreisstadt ja zählt, mit knapp 16 Prozent weit unterdurchschnittlich mit Frauen besetzt ist.

Die Forscher geben als einen Grund für die niedrigere Frauenrepräsentanz in Mittelstädten an, dass die Parteien mit verbindlichen Frauenquoten (50 Prozent bei den Grünen und Linken; 40 Prozent bei der SPD) nicht in den Mittelstädten, sondern vor allem in den Großstädten ihre Hochburgen haben. Prozentual hätten sie in Mittelstädten deshalb oft sowieso weniger Sitze im Rat als die Parteien ohne verbindliche Frauenquote, die dann auch noch überwiegend männliche Kandidaten nominierten.

So sind in den untersuchten Mittelstädten 2011 zum Beispiel 22,4 Prozent der Ratsmitglieder der CDU weiblich, während die Grünen mit einem Frauenanteil im Rat von 40,7 Prozent Spitzenreiter sind. Die verbindliche Frauenquote bewirke also unfraglich eine höhere Frauenrepräsentanz, während Parteien ohne Quoten sich gerade in etwas kleineren Städten eher als „Männerbünde” präsentieren.

Letzteres kann Ellen Florack, die einzige Frau im 26-köpfigen Männerzirkel der CDU im Rat, nur bestätigen. „Gerade in den kleinen Orten ist die Politik immer noch eine Männerdomäne. Man muss hart gesotten sein als Frau, das ist nicht einfach.” Zudem stünden Frauen in einer anderen sozialen Verantwortung im Hinblick auf die eigene Familie. Auch das führe dazu, dass Frauen oftmals ein politisches Amt scheuten. Dies könnte sich übrigens auch FDP-Fraktionschef Rolf Jaeger-Breuer vorstellen, in dessen fünfköpfigem Ratsteam keine einzige Frau zu finden ist. Die Erfahrung habe gezeigt, dass es schwer sei, die Frauen für eine politische Tätigkeit zu gewinnen.

Als Alibi-Frau sieht sich Florack, die seit rund 30 Jahren der CDU angehört, dennoch nicht. Gleichwohl wünscht sie sich für die Zukunft schon weibliche Unterstützung in ihren Reihen. „Gerade in sozialen Themen haben Frauen ein anderes Fingerspitzengefühl.”

Die CDU sei ein Beispiel dafür, so meint Ratskollegin Verena Schindler-Derichs von der SPD, dass eine Quotierung noch dringend nötig sei. „Solange etwas in einer Gesellschaft nicht selbstverständlich ist, muss man es normieren und zur Not auch sanktionieren. Die Frauenquote wurde in der SPD im Jahr 1988 eingeführt. Gleichberechtigung hatte damals schon eine lange Tradition in der Sozialdemokratie. Ich bin 1997 in die Partei eingetreten. Die Quote gehörte für mich also von Anfang an zum Alltag.” Schindler-Derichs glaubt fest daran, dass es durchaus genügend Frauen gebe, die sich politisch engagieren würden, wenn sie eine Chance dazu hätten.

Dass die Grünen im Heinsberger Rat eine reine Frauenfraktion stellen, begründet deren Chefin Birgit Ummelmann so: „Frauen sind idealistischer, das erklärt die fehlenden Männer in unseren Reihen.” Grundsätzlich gebe es Erhebungen, die belegten, dass Frauen im Alter zwischen 35 und 50 Jahren oft „bei grünen Themen mitarbeiten wollen”. Je höher der Politiker dann aufsteige, desto interessanter würden die Ämter offenbar für die Männer, meint Ummelmann. Schließlich gehe es dann ja auch ums Geld. „In dem Fall finde ich die Quotierung wichtig! Frauen sind oft zu bescheiden und nicht so forsch.”

Vom Wähler abgestraft

Die Fernuni-Wissenschaftler vermuten, dass „in den großen Städten eine starke Frauenunterrepräsentanz als unmodern gilt” und die Parteien dadurch stärker in den Medien unter Rechtfertigungsdruck stehen. Wer mit einer reinen Männertruppe dort antrete, könne schnell als „hinterwäldlerisch” gelten und müsse befürchten, von der Wählerschaft abgestraft zu werden. „In Mittelstädten sorgen Formen von starker Frauenunterrepräsentanz seltener für öffentliche Kritik. Parteien haben deshalb weniger Anreize, Frauen zu nominieren und so eine ausgewogene Liste aufzustellen”, erklärt Prof. Lars Holtkamp.