Heinsberg: Motorik und Wahrnehmung oft ein Problem

Heinsberg: Motorik und Wahrnehmung oft ein Problem

Die gesellschaftliche Entwicklung macht vor den Türen der Schulen nicht Halt. Meist jedoch wird in diesem Zusammenhang lediglich auf die sinkende Zahl der Schüler durch den Geburtenrückgang verwiesen. Ralf Bönder, der Leiter der Gebrüder-Grimm-Schule in Heinsberg, spürt mit seinen Kollegen aber auch noch eine andere Veränderung.

„Früher kamen Kinder hierher, die ausschließlich Sprachprobleme hatten. Das ist nicht mehr der Fall. Wir haben zunehmend Kinder, die darüber hinaus noch weitere Förderbedarfe haben, zum Beispiel im sozial-emotionalen Bereich, in der Motorik oder was die Wahrnehmung anbelangt.” Schule habe immer mehr den Auftrag, auch erzieherisch zu wirken. „Die Komplexität nimmt zu.”

Als die erste und einzige Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache im Kreisgebiet am 1. Februar 1980 eingerichtet wurde, konnte dies wohl noch niemand ahnen. Die Gebrüder-Grimm-Schule, die auf die Primarstufe begrenzt wurde, ist eine Durchgangsschule. Sie richtet sich in ihrer Unterrichts- und Erziehungsarbeit nach den Lehrplänen der Grundschule.

Den der Grundschule vergleichbaren Jahrgangsstufen ist jedoch eine so genannte Eingangsklasse vorgeschaltet, in der grundlegende Fähigkeiten in den Bereichen Wahrnehmung, Konzentration, Motorik und Verhalten eingeübt, aber auch schon Inhalte der ersten Grundschulklasse erarbeitet werden. So zählt die Gebrüder-Grimm-Schule insgesamt fünf Jahrgangsstufen.

Nach dem Abbau der Sprachbeeinträchtigung und dem Aufbau eines tragfähigen Lern- und Sozialverhaltens ist das Ziel die Rückführung der Schüler in die allgemein bildende Schule. In der Regel kann ein großer Teil der Schüler nach drei Schulbesuchsjahren wieder in die Heimatgrundschule integriert werden. Derzeit betreuen Bönder und seine 14 Kolleginnen und Kollegen 115 Kinder in elf Klassen.

Warum die Anforderungen an seine Schule vielschichtiger geworden sind? „Dahinter stecken viele Begründungszusammenhänge”, meint Bönder. „Bei manchen Kindern fehlt schon im Elternhaus die emotionale Aufmerksamkeit.”

Die Zunahme von Alleinerziehenden, die sich nicht selten in einer prekären finanziellen Situation befänden, spiele eine nicht zu unterschätzende Rolle. „Außerdem leben viele Kinder heute in einer sekundären Welt, geprägt durch PC und Internet. Ich kenne Kinder, die in ihrer Nachbarschaft überhaupt keine Freunde haben.” Auf diese Weise gehe ein Stück aktiver Sprache verloren.

Zur aktuellen Inklusionsdebatte meint Bönder, es gehe ihm um die Qualitätssicherung in der Sonderpädagogik. „Wir werden Probleme bekommen, den umfangreichen Bedarfen der Kinder in einer Regelschule gebührend Rechnung zu tragen. Es gibt zu wenig Fachkräfte. Selbst an unserer Schule haben wir derzeit etwa zehn Prozent zu wenig. Befristete Stellen lassen sich zum Beispiel gar nicht mit Sonderpädagogen besetzen, weil die Stellen viel zu unattraktiv sind.” Daher würden solche Stellen mit nicht pädagogisch vorgebildeten Lehrkräften besetzt.

„Ich sehe in den angestrebten Veränderungen Entwicklungschancen, aber die Veränderungen brauchen Diskussion auf Augenhöhe mit allen Beteiligten und systematische Planung.” Würden die Kinder nicht frühzeitig entsprechend ihrer Schwierigkeiten betreut, könne dies mit zunehmendem Alter oftmals zu handfesten Problemen führen.

„Zum 1. August 2013 soll eine neue Gesetzgebung in Kraft treten. Dabei ist die Zielsetzung, den Elternwunsch bezüglich der Förderortwahl zu respektieren. Ihr Wahlrecht wird ernstgenommen.” Bönder ist zuversichtlich, dass die Notwendigkeit einer qualifizierten Sprachförderung dabei unbestritten bleibt und hierfür auch schulische Angebote vorgehalten werden müssen.

Solange die Gebrüder-Grimm-Schule ein Angebot darstelle, orientiere man sich an dem Leitbild: „Die Förderung der uns anvertrauten Kinder soll so gut wie irgend möglich gelingen.” Und deshalb sehe er eine klare Perspektive für seine Arbeit hier vor Ort.