Berlin: Mensch, Gauck!

Berlin : Mensch, Gauck!

Am 12. Februar tagt die Bundesversammlung, um einen neuen Bundespräsidenten zu wählen. Die Chancen für den bisherigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (61) stehen gut. Am 17. März endet dann die Amtszeit seines Vorgängers, Joachim Gauck (77). Eine gute Gelegenheit also für einen Rückblick auf die fünf Jahre Präsidentschaft, der unter dem Titel „Mensch, Gauck!” an diesem Dienstag (20.15 Uhr) im ZDF zu sehen ist.

Der Filmautor Bernd Reufels („Deutschland - Deine Familien”, ZDF) und sein Team haben den Bundespräsidenten von September 2016 bis Januar 2017 immer wieder bei verschiedenen - zumeist offiziellen - Terminen begleitet. Dabei boten sich immer wieder Möglichkeiten, bezeichnende Momente in Bild und Ton festhalten zu können - bei Ansprachen, Reden, Eröffnungen oder Staatsbesuchen. Gaucks letzte große Reise führte ihn nach Japan, und das Reportageteam war im Flugzeug, im Hotel in Tokio und im Schnellzug Shinkansen ziemlich nah an ihm dran. Zudem gab es längere Hintergrundgespräche und auch die Teilnahme an privaten Terminen wie einem Besuch von Gauck in Wustrow an der Ostsee.

„Wir konnten Herrn Gauck in Wustrow besuchen, wo er die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht hatte”, sagte Bernd Reufels der Deutschen Presse-Agentur. „Wir trafen mit ihm alte Freunde und gingen mit ihm segeln. Er führte uns durch das Dorf und erzählte dabei von seinen Kindheitserinnerungen.” Dabei konnte Reufels auch mit Bekannten und Freunden aus Gaucks Jugendzeit sprechen, auch sehr offene Hintergrundgespräche in seinem Amtszimmer waren offenbar möglich.

So schildert Reufels seinen ganz persönlichen Eindruck vom scheidenden Bundespräsidenten: „Er ist ein Präsident, der durchaus Position bezieht und dabei aneckt. Man muss nicht mit allen seinen Positionen übereinstimmen, aber ich finde es erfrischend, dass ein Präsident sich das traut.” In Begegnungen mit anderen Menschen sei er sehr herzlich und emotional. Er könne Situationen und Stimmungen gut einschätzen und darauf reagieren. Das mache die Rituale, die ja auch zum Job gehören, oft doch noch „irgendwie lebendig und interessant”.

Tatsächlich gilt der ehemalige Pastor als besonders emotionaler Präsident, der sich in das politische Alltagsgeschäft einmischt. Und der seine Gefühle offen zeigt, Menschen herzlich umarmt und auch in der Öffentlichkeit so manche Träne nicht zurückhalten kann oder will. Glaubhaft jedenfalls setzt er sich unermüdlich für Versöhnung mit den Ländern ein, die im Zweiten Weltkrieg besonders unter Deutschland gelitten haben. Und auch für das gemeinsame Erinnern bei Staatsakten findet er die richtigen Worte: Gauck musste - neben vielen anderen Politikern - drei seiner Vorgänger zu Grabe tragen, Walter Scheel, Richard von Weizsäcker und zuletzt Roman Herzog.

Einige wenige private Worte gibt es in diesem Porträt auch. Gauck erzählt von einer tiefen Familienkrise in seiner Familie Mitte der 80er Jahre, als seine beiden Söhne Ausreiseanträge aus der damaligen DDR stellten. „Da sind viele späte Tränen geflossen, die ich mir damals in der Abschiedssituation verboten habe”, sagt Gauck in diesem Film. Er ist mit seiner ersten Frau zwar immer noch verheiratet, lebt aber seit Jahren mit seiner Partnerin Daniela Schadt zusammen. Eine solche Konstellation hatte es für ein deutsches Staatsoberhaupt noch nie gegeben. In der Dokumentation räumt Gauck denn auch ein: „20 Jahre früher, vielleicht auch 10 Jahre früher, wäre diese Art noch nicht gegangen - dass der Präsident nicht ordentlich verheiratet ist. Ich habe mich selber gewundert, dass es geht.”

(dpa)