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Kommentar zu sechs Monaten Ukraine-Krieg: Zieht endlich Konsequenzen!

Kommentar zu sechs Monaten Ukraine-Krieg : Zieht endlich Konsequenzen!

Am 24. Februar, vor genau einem halben Jahr, überfiel Russland die Ukraine. Vieles endete mit diesem Tag, darunter eine verhängnisvolle deutsche Illusion. Über Erkenntnisse, die noch nicht überall angekommen sind.

Es ging vieles zu Ende heute vor einem halben Jahr, als die russischen Panzerkolonnen die ukrainische Grenze in Richtung Kiew überquerten. Am 24. Februar endeten bis auf Weiteres der Traum vom friedlichen Europa und die Hoffnung auf ein konfliktfreies Zusammenleben der großen globalen Mächte. Zehntausende Menschen starben seitdem, Städte und Dörfer wurden von der russischen Armee zerstört. Es war ein Tag, der in die Geschichte eingehen wird, so wie der 1. September 1939 und der 28. Juli 1914, die beiden Zeitenwenden im 20. Jahrhundert.

In Deutschland platzte die ganz große Illusion. Vor Jahrzehnten hatten wir darauf gesetzt, mit Hilfe billiger russischer Rohstoffe unseren Wohlstand zu vermehren – und uns dafür mit Russland in gegenseitiger Abhängigkeit so zu verflechten, dass ein Krieg Ost gegen West unmöglich würde. Wir erhöhten unseren Einsatz später sogar noch, indem wir unsere eigene Verteidigungsfähigkeit – und damit die Sicherheit unserer Verbündeten – drastisch reduzierten. Das ging auch dann noch weiter, als Putin den zweiten Tschetschenienkrieg brutal beendete, als er Georgien ins blutige Chaos stürzte, als er 2014 die ukrainische Krim besetzte und im Donbass Krieg begann. Wir haben diese Wette katastrophal verloren.

Um es noch schlimmer zu machen, wurden hierzulande bis heute nicht die fälligen Konsequenzen gezogen. Die Rollen der Verantwortlichen – von Angela Merkel und Sigmar Gabriel bis zu Frank-Walter Steinmeier und Manuela Schweswig – sind nicht aufgearbeitet. Deutschland wurschtelt, der verkündeten Zeitenwende zum Trotz, im „Weiter so“. Es diskutiert vorwiegend über Gasrechnungen und schreibt wohlfeile Briefe an jeden außer Putin, in denen die Ukraine mehr oder weniger offen zum Aufgeben aufgefordert wird. Währenddessen steht unsere Unterstützung für das um sein Überleben kämpfende Land laut Institut für Wirtschaft Kiel, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, international auf einem erbärmlichen 17. Platz. Die Wut und die Verachtung unserer Partner über all das sind riesig, vor allem im Osten Europas, wo das Tun und Lassen Deutschlands genau beobachtet wird.

Noch immer ist das Ausmaß des deutschen strategischen Versagens – es wurde bereits der zweitschwerste Fehler des gesamten Westens nach dem Irak-Krieg genannt – ebenso wenig in allen Köpfen angekommen wie das Ausmaß der russischen Verbrechen während des Eroberungsfeldzugs. Zumindest nicht in den Köpfen, die hierzulande ernsthaft fordern, über Putins Stöckchen zu hüpfen und zusätzlich zu den drei vorhandenen Pipelines als vierte auch noch Nord Stream 2 in Betrieb zu nehmen. Als ob es bei drei leeren Bankkonten helfen würde, ein viertes zu eröffnen. Als ob man mit einem Völkermörder und Kriegsverbrecher ein Energieprojekt starten könnte, ohne auf Jahrzehnte zum Hassobjekt der gesamten westlichen Welt zu werden.

Der 24. Februar markiert aber auch einen Wendepunkt in der Wahrnehmung der Ukraine im Westen. Die Ex-Sowjetrepublik, 1991 mit so typischen Problemen wie Armut, Korruption, maroder Wirtschaft und ethnischen Konflikten in die Unabhängigkeit gestartet, hat sich entwickelt zu einer selbständigen und entschlossen um Freiheit und Demokratie kämpfenden Nation. Dass ihre Gesellschaft ihre Zukunft klar in Europa sieht, ist eine gute Nachricht. Die heutige Ukraine ist mit ihren immensen Bodenschätzen, der starken Landwirtschaft, dem hohen Bildungsstand und ihrer Wehrhaftigkeit eine Verbündete, wie sie Europa gut gebrauchen kann angesichts der Herausforderungen der Zukunft.

Dass sich ihr jetzt mit dem EU-Kandidatenstatus trotz der dramatischen Kriegslage auch eine positive Perspektive bietet, hat sie sich mit Blut, Schweiß und Tränen erkämpft. An ihrem heutigen Unabhängigkeitstag hätte es die Ukraine verdient, dass die Unterstützung aus Deutschland unserer Wirtschaftskraft und unserer Verantwortung endlich gerecht wird.