Youtubes Beitrag zum Bildungssystem

Kommentar zu Youtube-Studie : Kreide-Ärmel und Bildschirm-Allergie adé

Vor lauter Verschwörungstheorien und Fake News haben wir fast vergessen, dass das Internet im Allgemeinen und Youtube im Speziellen auch ein fantastisches Lern-Instrument ist. Übrigens nicht nur für Schüler. Auch Lehrer können lernen.

Zu Beginn war das Internet die Verheißung eines Ortes, an dem das Wissen der Welt versammelt ist. Jeder – so die Idee – kann durch dieses Instrument zumindest theoretisch Experte in allem werden. Wer sich für Quantenphysik, Heimwerken oder auch Biomedizin interessiert, wird sich so viel Wissen aneignen können, dass er mit den Experten zumindest mitreden kann.

Am Ende – so die vermutlich naive Idee – ständen die vollständige Demokratisierung des Wissens und wahrhaft mündige Bürger, die sich von niemandem mehr ein X für ein U vormachen lassen würden. Die vergangenen Jahre haben allerdings schmerzhaft gezeigt, dass sich das Internet nicht nur gut als Informations-, sondern auch hervorragend als Desinformationsinstrument eignet. Neben Experten für Quantenphysik, Heimwerken und Biomedizin gibt es nun auch solche für Nonsens wie Klimawandelleugnung oder der Vorstellung, die Erde sei eine Scheibe.

Gut, dass uns die neue Studie des Rates für Kulturelle Bildung wieder daran erinnert, welch fantastisches Lern-Instrument das Netz im Allgemeinen und Youtube im Speziellen sein können. Das gilt übrigens nicht nur für Schüler, sondern für alle, die ein Problem haben, das schon mal irgendwer anders hatte. Das Bad braucht neue Silikonfugen? Wie wechselt man das Autorücklicht? Wie war das noch mal mit der Erst- und Zweitstimme? Wie falte ich dieses blöde Wurf-Zelt so, dass es wieder in diese wahnsinnig kleine Verpackung passt? Alltagsprobleme, für die mit Sicherheit irgendein Youtuber, die übrigens nicht alle jung sind und blaue Haare haben, eine Lösung hat.

Für die Schulen und manche Lehrer dürfte die Studie freilich nicht sonderlich erfreulich sein. Weist doch der Erfolg der Youtube-Lern-Videos auf einen Mangel der klassischen Bildungsinstitutionen hin. Dieser Erkenntnis sollten sich Schulen, Lehrkräfte und Kultusminister selbstbewusst, aber auch demütig stellen. Die Idee, dass wir Schulen als Orte des sozialen Lernens unbedingt benötigen, darf dabei nicht infrage gestellt werden. Wer dem Glauben anhängt, Schulen oder auch Universitäten durch das Youtube-Selbststudium ersetzen zu können, der liegt falsch, weil Bildungsinstitutionen weit mehr sind als reine Orte der Wissensvermittlung. Sie sind auch Orte der Menschwerdung und gesellschaftlich unerlässlich.

Noch besser wäre eine staatliche Bildungsplattform

So mancher Lehrperson können die Youtube-Videos aber schon vor Augen führen, wie einfach es sein kann, komplizierte Sachverhalte so anschaulich und kurz auf den Punkt zu bringen, dass der Groschen bei fast allen fällt. Für manche Lehrkraft könnten die Videos, die eigentlich für die Schüler gedacht sind, also gewissermaßen Didaktik-Nachhilfe sein. Hand aufs Herz: Jeder kennt mindestens einen Lehrer, der das bitter nötig hätte/hatte.

Ansonsten sollten die Lehrer die Möglichkeiten des Netzes als Chance begreifen; was sie übrigens vielerorts schon seit Jahren tun. Multimediale Lerninhalte, das Einbinden von Youtube-Videos, Vermittlung von Medienkompetenz. All das geschieht noch nicht perfekt, aber es geschieht. Die kulturpessimistischen Lehrkräfte mit Kreide-Ärmel und Bildschirm-Allergie sind auf dem Rückmarsch. Zum Glück.

Vergessen sollte man mit Blick auf die Google-Tochter Youtube allerdings nicht, dass wir es mit einem privatwirtschaftlichen Unternehmen zu tun haben, dessen oberstes Ziel nicht die Bildung von Schülern ist, sondern Profit. Gezahlt wird mit den Daten der Nutzer, die für zielgenaue Werbung sorgt. Das muss man nicht verteufeln, man sollte es eben nur nicht vergessen, wenn man einen Teil der Bildungsarbeit derart privatisiert. Die Alternative wäre eine staatliche Bildungsplattform, die öffentlich finanziert und werbefrei wäre. Und dazu noch ebenso praktikabel und populär wie Youtube. Es wäre ein Traum.

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