Kommentar zu häuslicher Gewalt: Wo ist der Aufschrei?

Kommentar zu häuslicher Gewalt : Wo ist der Aufschrei?

Immer mehr Deutsche fühlen sich im öffentlichen Raum unsicher. Auch wenn es laut Kriminalitätsstatistik dafür keine Gründe gibt, reagiert die Politik oft genug mit Wahlparolen und Aktionismus.

Doch die eigentlichen Dramen spielen sich in den eigenen vier Wänden ab. Da, wo niemand so genau hinschauen kann.

Erschreckende Zahlen hat Familienministerin Franziska Giffey am Dienstag veröffentlicht. Insgesamt 138 893 Frauen sind in Deutschland im vergangenen Jahr Opfer von Gewalt durch Partner oder Ex-Partner geworden. Und die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher!

Doch wo ist der Aufschrei im Netz? Wo die Aktuelle Stunde im Bundestag? Wo die Wahlplakate, die mehr Hilfsangebote für Frauen versprechen? Fehlanzeige! Liegt es etwa daran, dass die Täter einen Querschnitt der Gesellschaft darstellen? Man in diesem Fall nicht mit dem Finger auf Minderheiten zeigen kann? Vielleicht.

Vor allem aber wird die Gewalt in der Familie, werden die Übergriffe gegen Frauen viel zu oft noch als Privatangelegenheit angesehen. Da werden bei Streitigkeiten nebenan die Fenster geschlossen. Der Blick beim Bäcker verschämt abgewandt. Eine menschliche wie  fatale Reaktion.

Für ein Umdenken braucht es Menschen, die nicht über Misshandlungen hinwegsehen. Es braucht Nachbarn mit Zivilcourage und Freunde mit Mut. Es braucht starke Frauen wie in der #MeToo-Bewegung, die als Opfer in die Öffentlichkeit gehen, die denen eine Stimme geben, denen die Worte fehlen. Es braucht Männer, die ihre Geschlechtsgenossen in die Schranken weisen und ihnen nicht mit Altherren-Witzen den Boden bereiten. Es braucht eine Politik, die nicht nur denen zuhört, die am lautesten schreien, sondern auf die Acht gibt, die im Stillen leiden.

Und es braucht die richtige Sprache. Es geht nicht – wie auch von uns Journalisten allzu oft formuliert – um Familiendramen. Es geht um Straftaten, die so benannt und angezeigt werden müssen.

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