Kommentar zum neuen NRW-Hochschulgesetz: Wissenschaftler, übernehmt Verantwortung!

Kommentar zum neuen NRW-Hochschulgesetz : Wissenschaftler, übernehmt Verantwortung!

Schon Friedrich Dürrenmatt warf in einem seiner bekanntesten Dramen „Die Physiker“ die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers auf.

Im Jahr 1961 noch vor dem Hintergrund eines drohenden Atomkriegs geschrieben, steht dort die Frage im Raum, ob eine einmal gemachte Entdeckung noch rückgängig gemacht werden kann.

Indem die NRW-Regierung mit der Novellierung des Hochschulgesetzes den Paragraphen streicht, dass Hochschulen „ihren Beitrag zu einer nachhaltigen, friedlichen und demokratischen Welt“ entwickeln sollen, legt sie die Verantwortung, sich mit der Forschung friedlichen Zielen zu verpflichten, wieder in die Hände der Wissenschaftler selbst. Diese Verantwortung sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Wer frei forschen will, sollte sich zu jedem Zeitpunkt darüber im Klaren sein, dass seine Erkenntnisse auch zu kriegerischen Zwecken missbraucht werden können. Nicht umsonst plagten den deutschen Physiker Otto Hahn, Entdecker der Kernspaltung und damit Wegbereiter der Atombombe, Zeit seines Lebens Gewissensbisse. Dessen Weggefährte Werner Heisenberg schrieb nach dem Bombenabwurf über Hiroshima: „Hahn zog sich erschüttert und verstört in sein Zimmer zurück, und wir waren ernstlich in Sorge, dass er sich etwas antun könnte.“ Hätte Hahn seine Entdeckung zurückhalten müssen, statt sie zu veröffentlichen?

Noch immer sieht sich ein jeder Wissenschaftler mit der „Dual-Use-Problematik“ konfrontiert, also der prinzipiellen Verwendbarkeit von Technologien oder wissenschaftlichen Entdeckungen sowohl zu zivilen als auch militärischen Zwecken. Forschung an Quantencomputern und Künstlicher Intelligenz, aber auch an Telekommunikation, Viren und selbst dem menschlichen Sozialverhalten lässt sich zum Wohle der Menschheit, aber auch zu deren Vernichtung verwenden.

Natürlich lässt sich trefflich darüber diskutieren, ob Drittmittelförderung aus Fonds des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums einen Bruch mit der Verantwortung darstellen, nur für friedliche Zwecke zu forschen. Allerdings würde man bei einer solchen Herangehensweise viele visionäre und zukunftsträchtige Forschungsprojekte bereits im Keim ersticken.

So oder so muss Forschung öffentlich und transparent sein – egal, wie sie finanziert oder von wem sie durchgeführt wurde. Die Gesellschaft hat ein berechtigtes Interesse, zu erfahren, was hinter den Toren öffentlich finanzierter Einrichtungen passiert. In einer zunehmend auf Drittmittel angewiesenen Forschungslandschaft bleibt diese Transparenz allerdings viel zu oft auf der Strecke.

Ob aber ein Wissenschaftler immer uneingeschränkt erkennen muss, wie seine Entdeckungen möglicherweise zweckentfremdet werden könnten, ist mehr als fraglich. Er sollte sich jedoch in jedem Fall der Verantwortung stellen und zu jedem Zeitpunkt einen „Beitrag zu einer nachhaltigen, friedlichen und demokratischen Welt“ leisten – auch ohne Paragraphen.

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