Kommentar in eigener Sache: Wir müssen das Grauen nicht sehen, um es zu begreifen

Kommentar in eigener Sache : Wir müssen das Grauen nicht sehen, um es zu begreifen

Es gibt Bilder, die sind so erschütternd, dass man sich wünscht, man hätte sie nicht gesehen. Am Mittwoch ist ein solches Bild um die Welt gegangen. Es zeigt die Leichen eines Vaters und seiner kleinen Tochter. Mit dem Gesicht nach unten liegen sie im Rio Grande.

Das dunkle T-Shirt des Mannes ist bis zur Brust hochgerutscht. Ein Arm des Mädchens liegt über dem Nacken des Vaters, so, als habe sie sich voller Verzweiflung an ihn geklammert. Bei dem Versuch, den Fluss in Richtung USA zu überqueren, sind sie ertrunken. Das Bild treibt einem die Tränen in die Augen. Es ist tatsächlich nur schwer zu ertragen.

Beim Anblick des Bildes fühlten wir uns in der Redaktion sofort an das Foto des dreijährigen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi erinnert, dessen Leiche im Spätsommer 2015 an einem Strand in der Türkei gefunden worden war. Damals wie heute haben wir leidenschaftlich mit uns gerungen und kontrovers darüber diskutiert, wie wir mit dem Foto umgehen sollen. Darf man ein solches Foto überhaupt veröffentlichen? Oder muss man es sogar, weil uns tatsächlich nur noch Fotos und Videos wachrütteln können? Bilder, so heißt es, sagen mehr als 1000 Worte. Und es stimmt doch: Das Bild von dem ertrunkenen Mann und seiner Tochter sagt womöglich mehr als jeder wohl formulierte Text, der sich mit dem Leid und den Gefahren auf den Flüchtlingsrouten befasst. Niemand wird die Macht der Bilder bestreiten.

Dennoch haben wir uns in diesem Fall nach intensiver Diskussion gegen eine Veröffentlichung des Fotos in der Zeitung entschieden. Dies war keine einstimmige Entscheidung, und wir nehmen an, dass auch in unserer Leserschaft die Meinungen auseinander gehen: Die schockierende Wirklichkeit möglichst realistisch abbilden, oder aus Pietätsgründen, das Bild nicht zeigen? Vermutlich gibt es hier kein richtig oder falsch.

Darum haben wir uns dazu entschieden, Ihnen hier das traurige Foto des toten Vaters und seiner toten Tochter zu ersparen. Nur, wenn Sie diesen Internet-Link anklicken, können Sie gezielt zu dem Foto gelangen. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.

2015 haben wir anders entschieden. Wir haben eine Ausnahme von der Regel gemacht, keine Fotos von Leichen in unserer Zeitung zu veröffentlichen. Wir haben das Bild von Aylan gezeigt. Klein zwar, aber wir haben es gezeigt. Ebenfalls nach intensiver Diskussion und einer nicht einstimmigen Entscheidung. Wir taten dies, weil sofort klar war, dass dieses Bild die Flüchtlingsdebatte hierzulande maßgeblich beeinflussen würde. Weil das tausendfache Sterben im Mittelmeer durch das Bild von Aylan aus der Anonymität geholt wurde.

Es ist gut möglich, dass das Bild vom Rio Grande eine ähnliche Wirkung auf die Flüchtlingsdebatte in den USA haben wird, weswegen wir das Foto vermutlich veröffentlicht hätten, wenn diese Zeitung in Kansas oder in Boston erscheinen würde. Das sind mitunter die harten Regeln des Nachrichtengeschäfts.

Aber nicht nur in die USA strahlt die Debatte um das Bild. Auch wir hier in Europa dürfen uns angesprochen fühlen. Denn das, wovon uns dieses traurige Bild erzählt, passiert derzeit auch an den Grenzen Europas. Menschen sterben auf dem Weg zu uns. Und nur von den wenigsten werden Bilder gemacht. Vielleicht müssen wir lernen, uns das Grauen ohne Bilder begreiflich zu machen.

Die Leichen eines Vaters und seiner kleinen Tochter. Mit dem Gesicht nach unten liegen sie im Rio Grande. Das dunkle T-Shirt des Mannes ist bis zur Brust hochgerutscht. Ein Arm des Mädchens liegt über dem Nacken des Vaters, so, als habe sie sich voller Verzweiflung an ihn geklammert. Anhand weniger Worte kann man sich sehr wohl ein Bild machen. Manchmal muss das reichen.

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