Wie sich CDU und CSU erneuern

Kommentar zur Union : Ungleiche Schwestern

Während die CDU ihre Erneuerung zu Festspielen innerparteilicher Demokratie werden lässt, wirkt die Neuaufstellung der Schwesterpartei immer noch bleiern. Merkel trat nach der Hessenwahl entschlossen vor die Öffentlichkeit, erklärte ihren Rückzug vom Parteivorsitz und benannte auch das Ende ihre Kanzlerschaft.

Der Auftritt war würdig und hatte Größe. CSU-Parteichef Horst Seehofer hingegen zögerte nach den dramatischen Verlusten seiner Partei in Bayern Konsequenzen hinaus. Anders als Merkel ist er ein Getriebener, der nun aus dem Amt des Parteichefs scheiden wird.

Was den Job des Innenministers betrifft, spielt Seehofer auf Zeit. Egal, wer künftig die CDU führt, für Seehofer wird die Zusammenarbeit leichter sein als in dem abgrundtief zerrütteten Verhältnis mit der Kanzlerin. So leicht wird die CSU Seehofer als Innenminister nicht los. Es drängt sich niemand auf, der den Job haben möchte.

Und soll der neue CSU-Chef tatsächlich erst einmal den Alten abberufen? Schwierig. Doch mit dieser Taktiererei steht Seehofer einem echten Aufbruch der CSU im Weg. Den haben die Christsozialen aber mindestens genauso nötig wie die Schwesterpartei. Die CSU droht in die SPD-Falle zu tappen: Erneuerung versprechen und dann aber Weiter-so bieten.

Den Reset-Knopf gedrückt

In der CDU hingegen vollzieht sich eine echte Wandlung. Nach dem 7. Dezember wird diese Partei eine andere sein. Sie ist dabei sich von den Verhaltensmustern des Kanzlerwahlvereins nachhaltig zu emanzipieren. Bei der ersten Regionalkonferenz wurde jeder Hinweis auf eine künftige bessere Beteiligung der Mitglieder an Entscheidungen der Regierung mit donnerndem Applaus quittiert. Dahinter wird der oder die neue Vorsitzende nicht mehr zurückgehen können. Die Zeiten, in denen Parteiführungen mit Basta wie einst Gerhard Schröder oder mit Sie-kennen-mich wie ehedem Merkel ihre Anhängerschaft gefügig machen können, sind endgültig vorbei. Die CDU hat den Reset-Knopf gedrückt. Die CSU sucht ihn noch.

Die CDU wiederum steht bei ihrer Wahl des oder Parteivorsitzenden vor der Entscheidung zwischen Herz und Verstand. Einmal unterstellt, dass die Chancen für Jens Spahn tatsächlich sehr gering sind, geht es um eine Entscheidung zwischen Merz und Kramp-Karrenbauer.

Herz gegen Verstand

Merz berührt die Seele der Partei. Wenn er seine pointierten Forderungen vorträgt und verspricht, die Zahl der AfD-Wähler zu halbieren, trifft er das Herz der Partei. Nach 18 Jahren eher spröder Vorträge von Angela Merkel lechzt die Basis nach der prallen Rhetorik von Merz. Kramp-Karrenbauer wiederum  kommt deutlich besser bei der Anhängerschaft an, also bei den potenziellen Wählern der Partei, die aber nicht unbedingt über ein Parteibuch verfügen. Den Umfragen zufolge sind ihre Chancen höher, eine breite Wählerschaft anzusprechen. Es wäre also eher eine rationale Entscheidung der Delegierten, sie an die Spitze zu wählen.

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