Trisomie 21: Kommentar zur Bundestagsdebatte über Bluttests

Kommentar zur Bluttest-Debatte : In freudiger Erwartung?

Dass Bluttests vor der Geburt Kassenleistung werden müssen, steht außer Frage. Fragen müssen wir uns aber, ob wir im Streben nach Perfektionierung und größtmöglicher Kontrolle nicht leicht versucht sind, unseren Wertekompass über Bord zu schmeißen.

Im Allgemeinen lassen wir an unseren Volksvertretern kein gutes Haar. Zu weit weg von den Problemen der Menschen, zu wenig kompromissbereit, zu wenig dem Allgemeinwohl verpflichtet, lauten nur einige der Vorwürfe, die die Politikverdrossenheit immer weiter fördern. Dass der Bundestag auch jenseits parteipolitischer Empörungsdebatten Impulsgeber sein kann für einen notwendigen gesellschaftlichen Diskurs, zeigt sich in der so leidenschaftlich wie ernsthaft geführten Aussprache über die umstrittene Frage, ob Krankenkassen künftig Bluttests auf ein Downsyndrom des Kindes vor der Geburt bezahlen sollen. Solange sich unsere Abgeordneten ihrer ethischen und moralischen Verantwortung bewusst sind und diese auch ohne Fraktionszwang artikulieren, muss uns um unsere parlamentarische Demokratie also nicht bange sein.

Das entbindet uns Bürger aber nicht davon, unsere ganz persönliche Haltung zum Leben kritisch zu hinterfragen. Der Bundestag mag eine Antwort geben auf die Frage nach der Kassenleistung. Die übrigens nur „Ja!“ lauten kann. Die Nutzung der Präimplantationsdiagnostik darf nicht vom Geldbeutel abhängen.

Letztlich geht es aber um etwas Grundsätzliches: um die Abwägung zwischen dem verständlichen Wunsch der Eltern auf ein möglichst unversehrtes Kind versus die ethische Dimension der Erhaltung allen Lebens; um den schmalen Grad zwischen Verhinderung einer Fehlbildung und der Optimierung der Menschheit. Diese Abwägung muss jeder für sich selbst treffen.

Fraglos ist Individualisierung ein hohes Gut. Doch im Streben nach Perfektionierung und größtmöglicher Kontrolle sind wir allzu leicht versucht, unseren Wertekompass über Bord zu schmeißen. Wenn wir ehrlich sind, leben wir schon heute in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Behinderung oft als Makel angesehen wird. Anders lässt sich die Tatsache nicht erklären, dass sich die Mehrzahl der Frauen bei einer drohenden Behinderung des Kindes für eine Abtreibung entscheidet. Die Situation könnte kaum absurder sein, denn es fehlt nicht an den nötigen Rahmenbedingungen. Seit Deutschland im Jahr 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, ist man stärker denn je bemüht, Menschen mit Handicap zu integrieren. Inklusion wird schon im Kindergarten gelebt. Die Behandlungs- und Unterstützungsangebote für Menschen mit Trisomie 21 sind so vielfältig wie nie zuvor, die Lebenserwartung der Betroffenen ist in den vergangenen Jahrzehnten rasant gestiegen. Trotzdem sinkt die Akzeptanz von Eltern, die sich bewusst für ein Kind mit Downsyndrom entscheiden. Während die Kinder- und Müttersterblichkeit einerseits so gering ist wie nie zuvor, wird die Schwangerschaft andererseits als etwas Unsicheres empfunden. Statt in freudiger Erwartung zu sein, geraten angehende Eltern heutzutage durch den Druck von außen eher in große Panik. Ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die das Lebensrecht eines jeden Menschen zum Grundpfeiler ihres gemeinsamen Handelns machen sollte.

Dennoch wäre es verfehlt, jetzt zum grundsätzlichen Verzicht auf jeglichen medizinischen Fortschritt aufzurufen. Die Wissenschaft ist nicht aufzuhalten, irgendwo auf der Welt wird es irgendwann das Designerbaby auf Wunsch geben. Es wäre naiv, vor dieser Entwicklung die Augen zu verschließen. Was also tun? Wir können uns auf das Grundgesetz zurückziehen, nach dem die Würde des Menschen unantastbar ist. Rechtlich hat das auf jeden Fall Bestand. Noch wichtiger wäre es aber, sich auf den eigenen Wertekompass zurück zu besinnen – und einfach nur guter Hoffnung zu sein.

Mehr von Aachener Zeitung