Kommentar zu Angela Merkel: Sie weiß, was sie tut

Kommentar zu Angela Merkel : Sie weiß, was sie tut

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei einem öffentlichen Auftritt erneut körperliche Probleme offenbart. Beim Empfang des finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne zitterte sie zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen. Es ist verständlich, dass sich nicht nur die Menschen in diesem Land fragen, wie es um den Gesundheitszustand der Kanzlerin bestellt ist.

Was ist bloß los mit der Frau, die wie kaum ein anderer Staats- und Regierungschef seit mehr als 14 Jahren den enormen physischen und psychischen Herausforderungen, die das Amt mit sich bringt, trotzt?

Es ist menschlich, dass die Spekulationen ins Kraut schießen. Doch auch eine Kanzlerin hat ein Recht auf Privatsphäre. Deshalb sollten wir uns an das halten, was an Informationen vorliegt. Wie schon nach der ersten Zitter-Attacke hat sich Merkel auch jetzt kurze Zeit später zu dem Vorgang geäußert. Wenn sie sagt, dass sie immer noch bei der Verarbeitung der ersten Attacke sei, dann deutet einiges darauf hin, dass sich das Problem im Kopf abspielt.

Wenig Anlass zur Sorge

Die meisten kennen das von sich selbst: Hat sich ein eher unangenehmes Ereignis erst mal im Kopf festgesetzt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich unter sehr ähnlichen Bedingungen wiederholt. Vielleicht ist die Frau, die man wegen ihrer Ausdauer und Kraft so sehr bewundert, am Ende doch etwas sensibler, als viele glauben. Vielleicht hat Angela Merkel einfach nur eine Blockade. Es wäre ein eher beruhigender Befund, der letztlich natürlich auch rein spekulativ ist. So begründet die Sorge um die Kanzlerin ist: Angela Merkel selbst und die Art und Weise, wie sie seit vielen Jahren das Amt führt, bieten eher wenig Anlass zur Sorge. Wem, wenn nicht diesem nüchternen Kopfmenschen, würde man zutrauen, reinen Wein einzuschenken, wenn es tatsächlich ernst um sie stünde.

Es gilt wahrscheinlich immer noch: Wer in einer Führungsrolle ist, darf keine Schwächen zeigen. Aber ist das tatsächlich noch zeitgemäß? Zeigt man nicht viel mehr Stärke, wenn man sich auch Schwächen eingesteht?

Angela Merkel war noch nie für Schnellschüsse bekannt. Es heißt, dass sie gut überlegt, ehe sie entscheidet. Dass sie mitunter zu lange überlegt, wird ihr häufig zum Vorwurf gemacht. Wir dürfen davon ausgehen, dass sie weiß, was sie tut. Darüber hinaus darf auch sie wie jeder andere Mensch für sich in Anspruch nehmen, verletzlich zu sein.

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