Kommentar zu „Vitalen Innenstädten“: Sehenden Auges baden gehen

Kommentar zu „Vitalen Innenstädten“ : Sehenden Auges baden gehen

Stellen Sie sich vor, Sie flanieren – zum Beispiel – durch die Aachener Innenstadt und werden plötzlich von einem Interviewer gefragt, warum Sie das denn nun überhaupt tun.

Sie werden nicht antworten, Aachen sei insgesamt hässlich, das Angebot unterirdisch und die Verkehrsanbindung eine Katastrophe, am liebsten würden Sie ohnehin im Netz shoppen, und ein Grund, warum Sie sich plötzlich in Aachen wiederfinden, sei Ihnen selbst eigentlich unerfindlich. Nein, Sie werden treffliche Gründe haben und auch benennen, warum Sie gerade Aachen als Shoppingparadies entdeckt haben.

Und genau darin liegt das Manko der aktuellen Untersuchung „Vitale Innenstädte“. Befragt wurden nämlich ausschließlich die Menschen, die diese Städte auch frequentieren. Das gibt in vielerlei Hinsicht natürlich Aufschluss über das aktuelle Angebot. Aber eine solche Umfrage gelangt nicht zum Kern des Problems: Warum meiden immer mehr Menschen die Stadt? Warum boomt der Online-Handel? Warum veröden Fußgängerzonen selbst in den sogenannten Oberzentren?

Aachen ist im schlechten Sinne bestes Beispiel, wie man sein eigenes Image in relativ kurzer Zeit massiv schädigen kann. Der Glanz von gekrönten Häuptern bei Karlspreisen und europäischen Gipfeltreffen wirft kein allgemeingültiges positives Licht auf die Entwicklung der Innenstadt. Das bisschen Glamour kann über die Tristesse nicht hinwegtäuschen. Könige und Kanzler investieren nicht in verwaiste Ladenlokale, selbst nicht im Schatten des Weltkulturerbes Aachener Dom. Leerstände allerorten sind beredtes Zeugnis, dass einiges ins Ungleichgewicht gekommen ist.

Dabei kann Aachen – anders als die meisten Städte im Umland – noch mit dem Pfund Historie wuchern. Dass der Innenstadtbesuch den so gerne neudeutsch beschriebenen „Eventcharakter“ haben muss, kann in der Kaiserstadt noch realisiert werden. Aber: Der Boom in Sachen Sightseeing und Tourismus schlägt nicht oder nur ungenügend auf den Handel durch. Besucher sind nicht gleich Kunden, volle Städte bedeuten nicht zwingend auch volle Kassen.Im Freizeitpark Innenstadt werden die Euros anderweitig ausgegeben. Mit zunehmender Tendenz.

Vitale Innenstädte sind nur über komplexere Konzepte gestaltbar. Handel, Gastronomie und Freizeit müssen sich ergänzen – um auch voneinander profitieren zu können. Und die Politik muss die Rahmenbedingungen setzen, damit Entwicklung vorangeht.

Bisher vertraut man sein Schicksal Investoren an – und geht sehenden Auges damit baden. Da liefert Aachen ein unschönes Beispiel nach dem nächsten. Auch in Sachen Infrastruktur wurschteln die mit exzellenten Unis beschenkten Kaiserstädter orientierungslos vor sich hin. Der ÖPNV ist eine Katastrophe, der Mobilitätswandel verharrt bei gutem Willen. Von Vitalität kann keine Rede sein.

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