Obelix würde den Brexit kritisieren. Dabei ist

Glosse zum Brexit : Spinnen die Briten wirklich?

„Die spinnen, die Briten!“ Viele Nichtinsulaner dürften es in ihrem Brexit-Urteil wohl mit Obelix halten. Angesichts des Chaos nicht weiter verwunderlich, dass viele kopfschüttelnd aufs House of Parliament schauen, und sich in gallischer Manier symbolisch den Zeigefinger gegen die Schläfe hämmern.

Obelix taugt aber nur bedingt als Vorbild, weil er erstens Kontintentaleuropäer – also nicht gerade neutral – und zweitens zwar sympathisch, aber nicht eben die hellste Leuchte ist. Außerdem sind die Briten nicht die einzigen, die nach Obelix´ Urteil spinnen. Zu allererst werden natürlich die Römer Opfer seines undifferenzierten Feedbacks – was er wohl zu Salvini und Di Maio sagen würde?

Also Zeigefinger ein-, Briten-Empathie auspacken und mal einen anderen Blick auf den Brexit wagen.

Sollte es wirklich irgendwann, eventuell, möglicherweise, gegebenenfalls, unter Umständen, so Gott will zu einer wie auch immer gearteten Entscheidung der Briten kommen, so wäre das zumindest in Sachen Unterhaltung ein herber Verlust. Wann wurden wir jemals durch einfache Parlamentssitzungen derart gut, spannend, mitunter auch tragikomisch unterhalten? Was da zur Prime-Time mit minimalem Produktionsaufwand in die europäischen Wohnzimmer flutet, ist pures TV-Gold.

Zum einen natürlich, weil es immer wieder Abstimmungen gibt. Das Salz in der Demokratiesuppe gewissermaßen, weil es nur Ja oder Nein, Gewinner und Verlierer gibt. Das ist Politik abseits trockener Facharbeit, mit viel Schweiß und Tränen und klaren Ergebnissen. Politik also, wie sie auch politikverdrossene Sportfans verstehen.

Hinzu kommt das britische Parlamentssystem, das Drama und Tradition viel Platz einräumt. Da wird lautstark gestritten, historienbewusst ge-„ordert“ und sich devot verneigt. Bemerkenswert ist vor allem Parlamentssprecher John Bercow, der den Popularitätsbraten schon früh gerochen und als Rampensau bereitwillig die Hauptrolle ergriffen hat. Er ruft nicht nur beherzt zu Ruhe und Ordnung, sondern sorgt auch für die so dringend benötigten Lacher. Es sei zwar schlimm, dass man wieder zu keinem Ergebnis gekommen sei, sagte der Tennis-Fan Bercow nach der gefühlt 5381. Brexit-Abstimmung, andererseits habe sein Lieblingsspieler Roger Federer gerade ein fantastisches Finale in Miami gespielt, was über den Schmerz hinwegtrösten könnte. Oder Bercow schließt eine Parlamentssitzung mit der unverhohlenen Freude über einen Heimsieg seines Lieblingsklubs Arsenal. Da hat offensichtlich jemand verstanden, was der Zuschauer/Bürger will.

Und wäre das alles nicht schon genug der Freude, zeigen uns die Briten auch noch, wie man mit einer schier aussichtslosen gesellschaftlichen und parlamentarischen Pattsituation umgehen kann. Da wird ständig von den Briten gefordert, sie müssten sich endlich entscheiden. Ja, warum eigentlich? Ist dieser traumgleiche Schwebezustand, bei dem die Parlamentarier immer und immer wieder folgenlos abstimmen, nicht die vollendet britische Art, um mit dem Brexit-Dilemma umzugehen? Irgendwie nicht ganz drin und irgendwie nicht ganz draußen, da ist doch für jeden etwas dabei. Da können weder die Brexiteers rebellieren, noch die EU-Befürworter Alarm schlagen. Nicht auszudenken, welchen Krawall die eine oder die andere Gruppe bei einer finalen Niederlage schlagen würde.

Vielleicht kann das „britische Modell“ zum Vorbild für ähnlich schwierige Fragen auch in anderen Ländern und Situationen werden: Naher Osten, Mauerbau in den USA, Hambacher Forst, Flüchtlingspolitik der EU, Kaffee oder Tee, Bayern oder BVB, Aachener Nachrichten oder Aachener Zeitung…

Immer, wenn eine Entscheidung unmöglich ist, weil man sich nicht entscheiden kann, oder keine Verlierer will, verschiebt man den Entschluss einfach bis in alle Ewigkeit. Wichtig ist dabei natürlich, dass man stets glaubhaft den Eindruck vermittelt, man wolle auf jeden Fall zu Potte kommen. Also demnächst, irgendwann, eventuell, möglicherweise, vielleicht.

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine der ältesten Demokratien der Welt anderen den Weg weist. Rule Britannia!

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