Kommentar zum digitalen Rezept: Notwendige Folge

Kommentar zum digitalen Rezept : Notwendige Folge

Es ist löblich, dass CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn den Weg zu Digitalrezepten möglichst bald freimachen will. Und es ist zugleich verräterisch.

Wer kommt schon auf den Gedanken, Video-Sprechstunden möglich zu machen, den dazugehörenden zwingenden zweiten Schritt aber erst einmal zu verschieben? Wenn kranke Patienten zwar nicht mehr in die Praxis müssen, sondern der Arzt ihnen per Ferndiagnose weiterhelfen kann, dann ist es unsinnig, die daraus folgende Verschreibung von Medikamenten in der Praxis abholen zu müssen. Nach dieser Logik würde ein Anbieter von Leih-Fahrrädern die Ortung des nächstverfügbaren Zweirades zwar online zulassen, die Nutzung aber davon abhängig machen, dass zuerst mal in einer Bankfiliale ein schriftlicher Überweisungsvordruck eingereicht sein muss.

Die größten Autokonzerne haben inzwischen einen geringeren Marktwert als große Online-Unternehmen. Die Zukunft einer rohstoffarmen Nation, die vom Welthandel wie kaum eine andere profitiert, hängt deshalb in entscheidendem Maße davon ab, bei den Chancen der Digitalisierung weit vorne zu sein. Die Digital-Klausur des Kabinetts dürfte das erneut unterstreichen und mit vielen neuen Ideen glänzen. Das Digitalrezept von Spahn ist eine davon. Doch das reicht nicht.

Längst ermöglicht es die Digitalisierung, chirurgische Expertise live in laufende Operationen zu holen. Längst können winzige Kapseln die Medikamente viel zielgenauer dosieren und die Wirkungen überwachen. Längst können sich Stressgeplagte per App zu besserer Gesundheit bringen lassen. Dagegen steht die Wirklichkeit eines Systems, das unter Einfluss von viel Lobby-Arbeit die elektronische Gesundheitskarte zum Flop machte. Es bleibt viel zu tun. Politik und Gesellschaft müssen schleunigst die On-Taste drücken.

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