Kommentar zur „Fridays for Future“-Debatte: Moralisch kaum zu ertragen

Kommentar zur „Fridays for Future“-Debatte : Moralisch kaum zu ertragen

Vorab sollte gesagt sein: Ja, man darf „Fridays for Future“ unnötig finden. Ja, man darf ganz grundsätzlich anderer Meinung sein. Und ja, das darf man in öffentlichen Debatten auch genau so sagen. Was sich rund um die geplante Großdemonstration in Aachen am Freitag aktuell auf den Sozialen Netzwerken abspielt, hat mit berechtigter Meinungsfreiheit in vielen Fällen aber nichts mehr zu tun.

„Denen sollte man das Demonstrieren verbieten“, „Da helfen Wasserwerfer und Tränengas“ oder „Vielleicht mal einen Schlägertrupp vorbeischicken“ konnte man da zum Beispiel jüngst in Facebook-Kommentaren zu unserer Berichterstattung lesen. Forderungen von erwachsenen Menschen, die öffentlich ungeniert zur Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufrufen, die friedlich demonstrieren und damit ein demokratisches Grundrecht ausüben.

Dieser Jargon ist rein rechtlich schon fragwürdig, weil in Teilen möglicherweise als öffentliche Aufforderung zu Straftaten zu bewerten. Moralisch ist er kaum zu ertragen. Wer sich dann auch noch bemüht, die öffentlichen Profile der entsprechenden Kommentatoren zu besuchen, und dabei feststellt, dass diese Menschen ihren veröffentlichten Fotos zufolge häufig selbst Eltern sind, dem bleibt der Mund offen stehen. Würden sie das auch den eigenen Kindern wünschen?

In der Debatte um „Fridays for Future“ zeigt sich ein klassischer Generationenkonflikt: Die eine – in diesem Fall jüngere – Generation prangert die vermeintlichen klimapolitischen Verfehlungen der anderen an. Die wiederum fühlt sich davon diskreditiert und kontert. So weit – so nachvollziehbar. Sich verändernde Verhaltens- und Sichtweisen geraten in Konflikt mit tradierten Normen. Das sorgt für Schmerzen und tut weh - auf beiden Seiten.

Phase des Chaos

Was in solchen Veränderungsprozessen mit Menschen passiert, analysiert auch die Psychologie. Die US-amerikanische Psychotherapeutin Virginia Satir etwa beschreibt dazu das folgende Modell: Der alte Status quo (keine Klimaproteste, Schüler sitzen freitags brav im Klassenzimmer) wird von einem externen Faktor (Klimadebatte) verändert, wodurch eine Phase des Chaos entsteht (Schüler gehen auf die Straße, ernten dafür Kritik und Unverständnis). Das bisherige Weltbild wird auf den Kopf gestellt, man ist mit neuen Konflikten konfrontiert, muss sich selbst neu positionieren. In dieser Phase reagieren Menschen häufig mit Angst, Frust und Wut.

Dass besonders Soziale Netzwerke zu beliebten Plattformen geworden sind, um diesen Gefühlen Luft zu machen, ist keine neue Entwicklung. Das ist im Kern auch in Ordnung: Diskussionen sind wichtig in einer freiheitlichen Gesellschaft und leben von unterschiedlichen Standpunkten.

Keine Plattform für Hetze

Die radikale Härte, mit der die Schüler-Proteste von einigen Nutzern kommentiert werden, ist auch für uns Journalisten aufreibend: Wir bieten unsere digitalen Dienste auch deshalb an, weil wir eine Plattform zur Meinungsbildung und zum Meinungsaustausch sein wollen. Wir sind daran interessiert, wie Sie, unsere Leserinnen und Leser, über politische Sachverhalte denken. Dass es besonders bei Themen wie „Fridays for Future“ verschiedene Meinungen gibt, ist klar. Auch, dass die Debatte entsprechend hitzig geführt wird. Wir als Journalisten wünschen uns einen solchen kontroversen Diskurs sogar ausdrücklich.

Trotzdem: Wenn öffentlich Gewalt an Schutzbefohlenen befürwortet wird, ist die Grenze der Meinungsfreiheit überschritten. Und deshalb entfernen wir solche Kommentare, die ganz klar gegen geltendes Recht und moralische Werte verstoßen. Wir tun das konsequent und ungeachtet aller Zensur-Vorwürfe. Was wir nämlich ganz ausdrücklich nicht sein wollen: eine Plattform für platten Populismus, für Stimmungsmache und radikale Hetze.

Das eigentlich Tragische an der Tonalität in der „Fridays for Future“-Debatte ist jedoch: Unter dem Hass geht oftmals genau das verloren, was wir eigentlich dringend brauchen. Echten Austausch, Annäherung zwischen den Generationen, gemeinsame Lösungssuche.

Immerhin: Glaubt man dem Modell von Virginia Satir, steht am Ende jedes Veränderungsprozesses eine „verändernde Idee“, die letztlich auch zur Akzeptanz eines neuen Status quo führt. Bleibt also die Hoffnung: Vielleicht befinden wir uns aktuell noch in der Chaosphase und brauchen noch ein wenig Zeit, ehe der öffentliche Diskurs zu diesem Thema zu einer echten Lösung führen kann.

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