Kommentar zu Afghanistan: Mit den Taliban leben

Kommentar zu Afghanistan : Mit den Taliban leben

Anfang 2009 träumten die Mitarbeiterinnen des ersten Frauensenders in der Provinzstadt Kundus von einem freieren Leben in Afghanistan. Wer das Büro ihres Radiosenders betrat, verspürte so etwas wie Aufbruchstimmung. Die Journalistinnen gingen im Tonstudio ihrer Arbeit nach, ihre Burkas lagen hingeworfen auf einem Stuhl.

Anfang 2009 begegnete man auch acht- bis vielleicht 14-jährigen Jungen, die in einem ausgetrockneten Wadi nach verrosteten Granaten oder anderen explosiven Überbleibseln vergangener Kriege suchten. Es war ein fast skurriler Anblick, wenn sie bei winterlichen Temperaturen, teils nur mit Flipflops bekleidet, freudestrahlend auf die deutschen Minenräumer zuliefen, um vielleicht mit Schokolade oder frischem Wasser für ihren Fund entlohnt zu werden. Auch das eine Form von Normalität in diesem von vielen Kriegen zermürbten Land.

Es war eine Zeit, in der die internationale Schutztruppe Isaf unter Führung der USA die radikalislamischen Taliban zwar längst nicht besiegt, aber doch in vielen Landesteilen zurückgedrängt hatte. Zehn Jahre später wollen auch die letzten verbliebenen Amerikaner – ebenso wie die Deutschen – so schnell wie möglich raus aus Afghanistan. Und die Taliban wollen, ebenfalls so schnell wie möglich, an die Macht. Bei so viel Eintracht mag man sich fast wundern, dass die USA und die Radikalislamisten seit mehr als einem Jahr um eine Friedensvereinbarung ringen.

Das Kapitel Afghanistan ist für den Westen bald Geschichte. Endlich, werden die meisten denken. Eine Haltung, die man niemandem verübeln kann. Als die Nato ihren Kampfeinsatz 2014 beendete und die rein auf Berater- und Ausbildertätigkeit ausgerichtete Nachfolgemission startete, hatten bereits 3500 ausländische Soldaten in diesem Krieg ihr Leben gelassen, darunter mehr als 50 Deutsche. Ein hoher Blutzoll. Umso mehr bleibt die Frage nach dem Warum. Warum sich die Nato-Verbündeten ähnlich wie zuvor die Briten und die Sowjets in einen Feldzug stürzten, der niemals zu gewinnen war. Getrieben von unendlicher Selbstüberschätzung. Es wäre die Aufgabe der Politik, darauf eine ehrliche Antwort zu geben. Aber sie wird es nicht tun. Denn das Argument, man habe das  westliche Demokratieverständnis etablieren und Terrorgruppen den Nährboden entziehen wollen, würde wahrlich zu kurz greifen. Was ist mit den sogenannten „Stabilisierungsdollars“, die in den Taschen von Clanschefs und Talibanführern verschwanden? Es ging um Macht, um strategischen Einfluss.

Eine Antwort geben sollte die Politik aber auf die Frage nach der Verantwortung, die die westliche Staatengemeinschaft für Afghanistan übernommen hat. „Es ist relativ einfach, den Entschluss zu fassen, in ein fremdes Land einzumarschieren. Aber es ist beinahe unmöglich, wieder abzuziehen, wenn man nicht Mord und Totschlag und Katastrophe hinterlassen will.“ Diese Worte von Helmut Schmidt sollte man im Kopf haben, wenn man den nahenden Abzug beklatscht.

Wenn wir ehrlich sind, ist schon der Gedanke von Frieden am Hindukusch eine Schimäre. Niemals werden die Taliban ihr Versprechen von Sicherheitsgarantien, einem Waffenstillstand und den Beginn eines Dialogs mit der afghanischen Regierung einlösen. Die jüngsten Drohungen der Steinzeit-Islamisten in Richtung Bevölkerung, nicht an den Wahlen Ende September teilzunehmen, lassen erahnen, was kommen wird.

Der Westen überlässt einer machtlosen Regierung ein Staatsgebiet, von dem gut die Hälfte von den Taliban oder Terrorgruppen wie dem „Islamischen Staat“ kontrolliert wird. Den Rest teilen sich Warlords und Drogenbosse untereinander auf. Es vergeht kaum eine Woche ohne Anschläge, ohne getötete Zivilisten. Das darf man getrost fahrlässig nennen, denn auf der Strecke bleibt die Bevölkerung. Was bedeutet zum Beispiel der endgültige Abzug für jene Menschen, die in den vergangenen Jahren in Diensten der Isaf-Truppen standen – etwa als Dolmetscher, Fahrer oder Arbeiter? Als Kollaborateure des Gegners werden die Taliban sie auf Todeslisten setzen. Was bedeutet es für die Mädchen, die jetzt noch Schulen besuchen? Sie werden ein tristes Dasein ohne Hoffnung auf Bildung und Selbstständigkeit fristen.

Die Frauen, die 2009 den Radiosender betrieben, haben schon vor Jahren eine Antwort bekommen. Kurz nach jenem Treffen in Kundus starteten die Taliban eine ihrer Offensiven. Die Journalistinnen wurden mit dem Tod bedroht, einige verschwanden spurlos, nur wenige trauten sich noch, ihrer Arbeit nachzugehen. Und die Jungen aus dem Wadi? Vielleicht sind aus einigen von ihnen Bauern, Polizisten oder Soldaten geworden. Oder sie wurden von den Islamisten angeworben. Im Kampf ums tägliche Überleben können es sich die Menschen in Afghanistan nicht leisten, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Sie müssen mit den Taliban leben, wenn die letzten westlichen Truppen abgezogen sind.