Kommentar zum Antisemitismus: Mit allen Mitteln bekämpfen

Kommentar zum Antisemitismus : Mit allen Mitteln bekämpfen

Deutsche Juden sehen, dass auf Demos der Hitlergruß gezeigt wird. Deutsche Juden müssen ständig befürchten, angegriffen zu werden. Deutsche Juden bemühen sich, nicht aufzufallen.

Wenn sie feiern, müssen sie oft genug bewacht werden. Ihre Synagogen sind – Gott sei Dank – Hochsicherheitstrakte; leider müssen sie es sein. Jüdisches Leben spielt sich weitgehend unter Polizeischutz ab. Jeden Monat werden jüdische Friedhöfe geschändet. Jüdische Kinder werden auf Schulhöfen drangsaliert, weil sie jüdische Kinder sind.

Die Frage ist, ob die deutschen Nicht-Juden diese Fakten so ernst nehmen, wie es nötig wäre. Jüdisches Leben in Deutschland ist bedroht. Die ständig wachsende Zahl antisemitischer Überfälle und Hetzreden hat zu einer Atmosphäre geführt, die für Juden kaum zu ertragen ist. Und letztlich führt andauernd propagierter Hass auf Juden wie jetzt in Halle zum Terror. Der braucht, um zu gedeihen, ideologische Nahrung. Die bekommt er, wenn die deutschen Verbrechen in der NS-Zeit verharmlost oder gar geleugnet, führende Nazis verherrlicht werden.

Brutale Rechtsextremisten

Dagegen helfen keine Solidaritätsappelle, so wichtig sie sind. Dagegen hilft nur, Fanatiker mit allen Mitteln des Rechtsstaates, der Polizei und des Verfassungsschutzes zu bekämpfen und ansonsten Antisemitismus von Anfang an entgegenzutreten, dort, wo er womöglich noch harmlos erscheint. Antisemitismus ist aber nie harmlos.

Der alte rechtsextremistische Antisemitismus schlägt am brutalsten zu. Es hat nicht viel gefehlt, und der Täter hätte in der Synagoge in Halle ein Blutbad angerichtet. Von deutschen Juden ist gleichzeitig zu erfahren, dass sie sich im Alltag, auf der Straße und in Schulen vom muslimisch geprägten Antisemitismus kaum weniger bedroht fühlen. Und ihnen macht Angst, wie auf Demonstrationen, im Netz und in Publikationen der jüdische Staat Israel unentwegt an den Pranger gestellt wird. Denen, die das tun, scheint es vollkommen egal zu sein, wie sich deutsche Juden dabei fühlen. Und scheren sich auch nicht darum, dass neben der eigenen deutschen Regierung und jenen der USA, Ungarns und der Türkei hierzulande keine Regierung so oft und so heftig kritisiert wird wie die israelische.

Aachens OB setzt ein Zeichen

Was kann der einzelne tun? Der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp hat entschieden, dass sich seine Stadt von der Verleihung des Aachener Kunstpreises an einen Künstler zurückzieht, der offenkundig nicht in der Lage ist, sich eindeutig von der antijüdischen Bewegung BDS zu distanzieren. Diese Bewegung ruft dazu auf, jüdische Künstler, Wissenschaftler, Sportler und Wirtschaftsvertreter zu boykottieren und damit zu isolieren. Seine Entscheidung hat Philipp viel Kritik eingebracht, aber er hat ein klares Zeichen gesetzt.

Was das mit dem rechtsextremistischen Terrorakt in Halle zu tun hat? Vordergründig nichts. Aber die gestrigen Appelle von allen Seiten lauten, den Antisemitismus von Anfang an und an jedem Ort und egal, von wem er ausgeht, zu bekämpfen.

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