Kommentar zu Fußball: Mehr als ein Pausenfüller

Kommentar zu Fußball: Mehr als ein Pausenfüller

Irgendwo im Hintergrund ist der Ball natürlich weitergerollt. Der Fußball macht nie richtig Pause, er ist ein perpetuum mobile. In dieser Woche wurde in der Regionalliga oder in der Qualifikation für die Europa League gespielt, irgendwo in den Alpen gibt es bestimmt noch ein belangloses Vorbereitungsturnier, benannt nach einem Wettanbieter.

Übertragen wird auch der unbedeutendste Kick, sein Publikum findet er immer. Gerne geben die Sender dafür Geld aus, ihre Kameras aufbauen zu dürfen.

Der Fußball verdrängt alle, wirklich alle Sportarten in Nischen, wo sie um Anerkennung und telegene Wahrnehmung kämpfen. Aber Öffentlichkeit ist die Voraussetzung, um seinen Sport professionell oder wenigsten halb-professionell ausüben zu können. Sieben Verbände haben sich deswegen verabredet, um zumindest zehn Tage lang ein bisschen im Rampenlicht zu stehen.

Der Termin ist — siehe oben — so gewählt, dass in den großen Fußballligen die Saison noch nicht angepfiffen wurde. Und doch war es viel mehr als ein Pausenfüller, bis die Bundesliga wieder beginnt. Das Konzept heißt „European Championships“, eine Art Europäischer Sommerspiele. Und vermutlich ist es auch ein Überlebenskonzept, um nicht in absehbarer Zeit völlig vom Bildschirm zu verschwinden. Die Gefahr ist nicht gebannt.

Spannende Geschichten

Deswegen: sieben Europameisterschaften in sieben Olympischen Sportarten auf einen Streich. 100 Stunden lang übertragen ARD und ZDF die 187 Entscheidungen der Radfahrer, Triathleten, Schwimmer, Golfer, Turner und Ruderer. Im Vergleich zur Fußball-WM war der Aufwand der übertragenden Sender deutlich geringer, aber es war dennoch ein sehr wohltuender und sehr gelungener Ausflug zu Sportlerinnen und Sportlern, die nicht aufs Tor schießen. Sie müssen dann in diesem Moment funktionieren, weil nächste Woche nicht wieder ein Wettkampf, ein Pokal- oder ein Champions-League-Spiel ansteht, das übertragen wird.

Es mag ein subjektiver Eindruck sein, dass da in den letzten Tagen eine ganz andere Form von Begeisterung transportiert wurden. Athletinnen und Athleten, die sich in den Wassergraben werfen, die spontan ein Tänzchen wagen, die nicht wissen, wohin sie mit ihrer Begeisterung sollen. Die gerne auch die seltene Gelegenheit am Mikrofon ergreifen, um den Heimatverein zu grüßen. Die keine Stanzen in den Interviews verbreiten, sondern sehr spannende Geschichten erzählen können, die häufig von Zweifel handeln. Zweifel am sauberen Sport, Zweifel an der Perspektive.

Sein Leben lässt sich als Ruderer, Turner oder Hochspringer nicht finanzieren, die Ausbildung muss warten oder akribisch organisiert werden, um Hobby und Beruf in Einklang zu bringen. Sicher müssen sich auch Medien hinterfragen, ob sie immer nur die Ansichten oder Halbsätze von prominenten Fußballern transportieren wollen. Oder ob es nicht Geschichten und Biografien gibt, die sich viel besser erzählen lassen.

Fast am Ende der Sommerspiele kann man festhalten, dass die Athleten das neue Format mögen, dass es durchaus quotenstark ist, dass das Publikum es annimmt. Die „European Championships 2018“ waren ein gelungener Feldversuch. Es spricht viel dafür, Europameisterschaften in vier Jahren wieder in dieser geballten Form auszutragen — gern nur in einer Stadt, gern mit noch mehr Sportarten, die ihre Attraktivität in der Fußballpause eindrucksvoll belegen.

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