Kommentiert: Wunderbares Europa

Kommentiert: Wunderbares Europa

Es gibt sie noch, die aufrechten Kämpfer für Europa. Die Selbstbewussten, die sich weder von rechten Demagogen noch von linken Träumern verrückt machen lassen. Und die, wenn es nötig ist, für dieses wunderbare Europa deutlich und mit Verve Position beziehen. Und das ist nötig. Mehr denn je!

Über 300 Menschen waren jetzt in Aachen bei einem Europa-Forum mit Sven Giegold und Jean Asselborn. Diese Konstellation erwies sich schnell als Glücksfall. Der langjährige grüne Europaabgeordnete aus Deutschland und der erfahrene Außenminister aus Luxemburg überzeugten die vielen Besucher mit klaren Standpunkten, präzisen Analysen, klugen Interpretationen und vorsichtigen Prognosen, vor allem aber auch mit sehr konkret formulierten Forderungen und Erwartungen.

Und mit ihrer unaufgeregten Art zu diskutieren und das teilweise durchaus kontrovers und selbstkritisch: zuhörend, nicht ins Wort des anderen fallend, nicht laut, nicht besserwisserisch und unter völligem Verzicht auf irgendein billiges parteipolitisches Dogma. Wie angenehm und niveauvoll!

Das Einmaleins der EU

Sie geben trotz der aktuellen und schon latenten Misere, trotz einer gewissen Depression und Ratlosigkeit die Europäische Union nicht auf. Sie sehen die nationalistischen und von einem falschen Populismus angehauchten EU-Feinde. Sie spüren den Hass der nur an kurzfristigen Wahlerfolgen interessierten Vereinfacher.

Asselborn und Giegold bringen deshalb Dinge ohne Umschweife auf den Punkt. Entweder stoppe man in der EU den unsäglichen nationalen Kurs der Angstmacherei eines Viktor Orbán oder man stehe für eine EU der Menschenwerte und der Gemeinschaft ein. Wer den Grundgedanken der Solidarität aufgebe, verstehe das Einmaleins der EU nicht. Asselborn sagt: „Wenn wir Polen oder Ungarn als Referenz nehmen, sind wir tief gefallen.“

Ergo fordert Giegold die Europäische Volkspartei, den Zusammenschluss konservativer Parteien, auf, sich endlich von der Orbán-Partei zu trennen. Und er sagt , dass für ihn ein CSU-Dobrindt, der dem ungarischen Wahlsieger euphorisch gratuliere und dessen Flüchtlingspolitik befürworte, kein Maßstab für ihn sein könne. So einer halte ihn doch nicht von seinem Einsatz für Europa ab.

Keine zwei Geschwindigkeiten

Sie sind nahe beim designierten Karlspreisträger Emmanuel Macron, für den es „in Sachen Werte in Europa keine zwei Geschwindigkeiten geben kann“. Giegold differenziert wohltuend genau. Er kritisiert zwar Macron für dessen Atompolitik, aber lobt ausdrücklich und mehrfach das Karlspreis-Direktorium für die Entscheidung zugunsten Macrons.

Asselborn spricht in Aachen auch über die Syrienkrise ganz konkret und erwartet von Deutschland eine Vermittlung, eine vernehmbare Stimme. Wenn dieser Krieg in der jetzigen Eskalation noch mit politischen Mitteln beendet werden kann, dann braucht man dafür eine Strategie, auch eine europäische — welche denn sonst?

Es gibt diese und viele andere Gründe, für die EU trotz ihrer Fehler zu kämpfen. Persönlichkeiten wie Giegold und Asselborn sind für diese Erkenntnis unverzichtbare und unermüdliche Botschafter.

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