Kommentiert: Was übrig bleibt

Kommentiert: Was übrig bleibt

Wer ein paar unambitionierte Selbstverständlichkeiten und unverbindliche Aussagen über Welthandel, Frauenförderung und Anti-Terror-Kampf für bemerkenswert hält, könnte das G20-Treffen erfolgreich nennen; gute Argumente sind dafür aber nicht aufzutreiben.

Dass sich der politische Traumtänzer aus Washington in der Klimapolitik weltweit isoliert hat, ist längst vor diesem Gipfel bekannt gewesen. Dass es immer noch nicht gelingt, hemmungslose Steuertrickser an die Kandare zu nehmen und faire, transparente Regeln für Finanztransaktionen zu schaffen, ist ein Armutszeugnis.

Die eigentliche Schande aber liegt darin, dass während der beiden Hamburger Gipfeltage laut Unicef rund 15.000 Kinder an den Folgen von Hunger und Mangelernährung sterben. Die 20 einflussreichsten Staats- und Regierungschefs könnten das ändern — innerhalb kürzester Zeit. Sie tun es nicht. Dabei dürften sie sich um gar nichts Anderes kümmern, solange dieses Grauen nicht beendet ist. Es gibt nichts Wichtigeres.

Die Mächtigsten der Welt gehen gegen den Hunger vor allem in Afrika auch deshalb nicht nachhaltig in die Offensive, weil sie wissen, dass das Interesse an diesem Problem in ihren Völkern nicht weit verbreitet ist. Das heißt: Hier versagen nicht nur Regierungen, Parlamente, Parteien und Despoten; jeder Einzelne versagt, der dieses schreiende Elend hinnimmt.

War der G20-Gipfel also vollkommen sinnlos und überflüssig? Manche Kritiker sehen es so und haben dafür viele gute Gründe. Trotzdem ist es richtig, dass diejenigen, die weltweit über die größte Macht verfügen, miteinander reden und sich dabei öffentlich verantworten müssen. Ihre erschreckende Unfähigkeit in Hamburg muss auf Protest stoßen. Dagegen zu demonstrieren ist notwendig — umso schlimmer, dass auch dieser Protest kläglich gescheitert ist, im öffentlichen Bewusstsein des In- und Auslands untergegangen ist unter schlimmsten Gewaltexzessen.

Einen größeren Gefallen konnte man den G20-Repräsentanten gar nicht tun, als ihr weitgehendes Versagen hinter dem allgemeinen Entsetzen über das brutale Geschehen auf Hamburgs Straßen verschwinden zu lassen. Aber nun übertönt nach dem Gipfel diese Frage alle anderen: Wie konnte das geschehen? Haben die politisch Verantwortlichen weit vor dem G20-Treffen die Warnungen von Sicherheitsexperten ignoriert? Die Polizei war mit der Aufgabe, die sie zu übernehmen hatte, augenscheinlich überfordert. Allerdings wäre es naiv, zu glauben, ihr Einsatz könne angesichts der ausgeklügelten Gewaltstrategie von Randalierern, angesichts der puren Lust auf brutalste, menschenverachtende Gewalt fehlerlos bleiben.

Es ist traurig, dass friedliche Demonstranten, denen es um den nötigen Protest geht, und vor allem die Organisatoren der Demonstrationen nicht in der Lage sind, sich in einer offensichtlich gefährlichen Situation eindeutig und für jeden erkennbar gegen die Chaoten und auf die Seite der Polizei zu stellen und mit ihr gegen den sogenannten Schwarzen Block zu kooperieren. Es ist skandalös, dass Sprecher der demonstrierenden G20-Gegner wiederholt versucht haben, maßlose Gewalt zu relativieren und zu bemänteln, indem sie behaupten, sie sei durch die Polizei provoziert worden. Wer auf diese Weise Schwerstkriminelle in Schutz nimmt, verwechselt Ursache und Wirkung.