Kommentiert: Trumps Trompeter

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Die Beziehungen zwischen Berlin und Washington sind derzeit aus vielerlei Gründen (Zölle, Iran, Nahost, Klimaschutz und manches mehr) angespannt.

Seit einigen Wochen ist ein neuer US-Botschafter in Deutschland. Der könnte und müsste sich — wie sein deutscher Amtskollege in den USA — darum kümmern, zu vermitteln, zu erklären, Verständnis und Verständigung zu erreichen zwischen zwei Staaten, die seit Jahrzehnten enge Partner, ja Freunde sind und im jeweils eigenen Interesse bleiben sollten. Kurzum: Richard Grenell müsste das tun, was Aufgabe der Diplomatie ist. Aber er will kein Diplomat sein, sondern politischer Agitator.

Dieser Mann passt nicht in eine Botschaft. Man muss leider vermuten, dass der US-Präsident ihn genau aus diesem Grund zum Botschafter berufen hat: bloß keine Rücksicht nehmen auf bewährte Umgangsformen und angemessene Wortwahl, sondern politische Tabus brechen, Zwietracht säen und versuchen, Europas Demokratien zu entzweien. Da liefert sich Trump einen schlimmen Wettbewerb mit Wladimir Putin.

Beiden kommt es darauf an, jene Kräfte auf dem alten Kontinent zu unterstützen, die einen europafeindlichen, nationalistischen und reaktionären Kurs steuern. Grenell soll seinem obersten Chef dabei helfen; er ist als „his master’s voice“, als Trumps Propagandist in Berlin.

Die Bundesregierung muss diesem Scheindiplomaten deutlich zu verstehen geben, dass sie dessen Verhalten nicht akzeptieren kann. Vielmehr kann sie nicht tun. Wenn Linken-Fraktionschefin Wagenknecht verlangt, Grenell auszuweisen, liefert sie nur den nächsten Beweis dafür, dass mit ihrer Partei eine kluge, berechenbare und ausgewogene Außenpolitik nicht möglich ist. Die Verstimmung in Berlin ist mehr als berechtigt, aber Schnellschüsse bringen gar keine Lösung.

Grenell muss man in Berlin einfach links liegen lassen, isolieren. Der sucht sich schon selbst seine Gesprächspartner: Österreichs Bundeskanzler Kurz, CSU-Landesgruppenchef Dobrindt oder den unvermeidlichen Jens Spahn von der CDU. Die müssen aufpassen, dass sie sich nicht vor den falschen Karren spannen lassen.

Die drei sind bisher mehr an ihrem scharfen Profil als forsche Konservative interessiert, als daran, mitzuhelfen, dass die Einigkeit zustande kommt, die die Europäische Union dringend braucht. Weil sie nur so dem Machtgebaren in Washington und Moskau etwas halbwegs Beeindruckendes entgegensetzen kann.

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