Kommentiert: Tradition und Moderne

Kommentiert: Tradition und Moderne

Ein Aufbruch in die Moderne soll sie sein, diese 55. Saison in der Fußball-Bundesliga. So haben es zumindest viele vermeintliche Experten vorausgesagt.

Es gibt jetzt einen Videobeweis, die Spieltage sind weiter zerstückelt worden, und die TV-Berichterstattung ist nun ziemlich unübersichtlich. Vieles ist neu, einiges ist anders, manches wird nicht besser werden, aber eins ist ganz sicher: Die Begeisterung für den Fußball wird dieselbe sein. Ob mit Videobeweis oder ohne. Ob samstags um 15.30 Uhr, sonntags um 13.30 Uhr oder montags um 20.30 Uhr. Das Spiel bleibt schließlich dasselbe. Und das ist es ja, was die Fans lieben.

Tradition in Deutschland

Sicher ist schließlich, dass heute Abend in der Münchner Arena 22 Spieler auf dem Feld stehen werden, elf vom FC Bayern, elf von Bayer Leverkusen. Dass ein Schiedsrichter mit seinem Gespann die Partie Leiten wird. Dass es einen Ball, zwei Tore, mindestens 90 Minuten, zehntausende Zuschauer im Stadion und Millionen vor dem Fernseher geben wird. Und es versteht sich deshalb, dass spätestens um 20.30 Uhr auch die Begeisterung für die Sportart Nummer eins in Deutschland zurückkehren wird. Das hat Tradition.

Genauso wie die Diskussionen vor einer Saison, in der es tiefgreifende Änderungen gibt. Dass der Videobeweis beim Finale des Supercups zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund ein ziemlich schwaches Debüt gefeiert hat, als eine technische Panne die Bewertung einer angeblichen Abseitsposition erschwerte, hat diese Diskussionen befeuert. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Technik auch während der Saison für Unmut sorgen wird; die Kritiker werden nicht schnell verstummen.

Am Videobeweis werden sich auch am 34. Spieltag noch die Geister scheiden. Man darf nicht vergessen: Der Videobeweis macht den Fußball gerechter. Auch wenn sie für den Großteil der Fußballfans ein Graus sind, ist die weitere Zerstückelung der Spieltage ebenfalls sinnvoll. Die Veränderungen bei den Anstoßzeiten folgen einer Maxime: mehr Geld zu akquirieren, um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben. Dass die Änderungen nicht jedem gefallen, liegt auf der Hand. Notwendig sind sie dennoch — wenn denn ein deutscher Verein die Champions League gewinnen soll.

Hans-Joachim Watzke, Dortmunds Geschäftsführer, hat das schön auf den Punkt gebracht: „Mir wäre es auch am allerliebsten, alle Spiele wären am Samstagnachmittag. Aber dann bekommen wir so wenig Fernsehgeld, dass wir international gar keine Chance haben.“ Außerdem finden von insgesamt 306 Spielen nur zehn am Sonntagmittag oder Montagabend statt.

Deutliches Votum

Und traditionell wird es ja auch in dieser Saison wieder zugehen, im Titelkampf zum Beispiel. Die Trainer haben in einer Umfrage ein deutliches Votum abgegeben. 15 von ihnen glauben an den sechsten Titel in Serie für den FC Bayern. Kölns Trainer Peter Stöger gehört zu denen, die sich nicht sicher sind, er sagte: „Wenn Usain Bolt einen 100-Meter-Lauf verliert, kann vielleicht auch mal ein anderer Meister werden.“ Eine Überraschung wäre es allemal. Oder sogar ein Aufbruch in die Moderne.