Kommentiert: Seine einzige Chance

Kommentiert: Seine einzige Chance

Die Causa Hoeneß ist gewiss ein Präzedenzfall. Noch nie musste eine Person dieser 1-A-Prominenz wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis.

Irgendwelche von ihm erhofften „mildernden Umstände“ mögen vielleicht auf das Strafmaß Einfluss gehabt haben, nicht jedoch auf die Tatsache, dass er nun bald in der Justizvollzugsanstalt landet.

Keine Gnade für Steuerhinterzieher: Den Staat zu betrügen, gilt in Zeiten, in denen über Sozialkürzungen, Mindestlöhne und neue deutsche Hartz-IV-Armut teilweise heftig diskutiert wird, nicht mehr als Kavaliersdelikt. Und dass Prominente von vornherein einen Bonus einkalkulieren können, ist von übereifrigen Staatsanwälten in Verfahren von Kachelmann bis Wulff eher peinlich als eindrucksvoll entkräftet worden.

Für Uli Hoeneß war es also unausweichlich, das Urteil anzuerkennen und von seinen FC-Bayern-Ämtern zurückzutreten. Er wahrt damit die wirklich einzige noch verbliebene Chance, wenigstens einen kleinen Teil verlorener Achtung zurückzugewinnen. Dieses Kalkül geht offenbar auf, wenn selbst die Bundeskanzlerin dem Steuerhinterzieher dafür „hohen Respekt“ entgegenbringt.

Sei es so! Ob die Erklärung über seine Sicht von „Anstand, Haltung und persönlicher Verantwortung“ angesichts neu entdeckter Demut ernst gemeint oder eher eine poetische Übertreibung in eigener Sache ist, ändert nichts an der Faktenlage: Hoeneß war in den Spitzenämtern des Vereins nicht mehr zu halten. Damit hat er verspätet die richtige Konsequenz gezogen. Alles andere bleibt nüchtern zu betrachten: Er muss sich einem juristischen Urteil beugen. Nicht mehr und nicht weniger. Das Gericht war souverän genug, auf Psychoanalysen, Kapitalismuskritik oder die Untersuchung individueller Formen von Gier zu verzichten.

Die nicht-juristische Strafe für Hoeneß wiegt trotz der Unannehmlichkeiten einer Justizvollzugsanstalt schwerer: Das Vorbild ist vom Sockel gefallen, die Ikone hat sich selber als Opfer krimineller Energie entlarvt, alle Welt weiß nun, wie der Erfolgsmensch ohne Selbstdisziplin und Maß unter Druck geriet und wie dieses Explosionszentrum an Ideen mit seiner autoritären Macht und seinem Einfluss in einen rastlosen Alltag eingetaktet und gefangen war.

Uli Hoeneß ist allzeit ein Spieler geblieben. Dass sein Schicksal weitestgehend ohne Häme und ohne jeden Versuch medialer Treibjagden (von gelegentlichen Auswüchsen im Boulevard abgesehen) beobachtet und begleitet wird, stellt sich ganz anders dar als etwa bei Christian Wulff. Und das ist bei aller berechtigten Empörung über die grandiose Steuerhinterziehung gut so.

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