Kommentiert: Olympische Verschwendungsspiele

Kommentiert: Olympische Verschwendungsspiele

Möge jede Form eines Fiaskos verhindert werden! Das muss man im Interesse der Sportlerinnen und Sportler hoffen, die sich seit Jahren auf die Olympischen Größenwahn-Spiele in Sotschi vorbereiten.

Sie sind nicht verantwortlich für die unfassbar lange Liste an Zumutungen. Die Stichwörter lauten: Korruption, Verschwendung, Umweltzerstörung, Terrorgefahr, Einschüchterung, Homophobie, Gier, Personenkult.

Das ist eine Aneinanderreihung von Skandalen und deshalb in aller Schärfe zu kritisieren. Mit aktiven Sportlern hat das nichts zu tun, sehr wohl aber mit ihren sich majestätisch gebärdenden Sportfunktionären, deren Sichtweise dramatisch von Dollar-, Euro- und Rubelzeichen getrübt ist. Was sich da rund um die Olympia-Tempel und goldenen Kälber in Sotschi abspielt, hat mit der Olympischen Charta nicht mehr die geringste Ähnlichkeit. Allenfalls naive Apostel interessieren sich noch für Moral, Ethik und Wahrheit, aber doch nicht der „normale“ olympische Geschäftemacher.

Keine Diskriminierung. Achtung der Menschenwürde. Pflege einer friedlichen Gesellschaft. Das sind die Säulen der auf geduldigem Papier niedergeschriebenen Charta. Zar Putin hat sie längst brutal eingerissen. Die Spitzenfunktionäre unter Führung des Deutschen Thomas Bach schauen und hören meist nickend und wohlwollend lächelnd zu, und außer dem üblichen rhetorischen Diplomaten- und Funktionärsgedöns ist ihnen nichts zu entlocken.

Der lupenreine Unschuldsengel

Was sollen diese mutigen Repräsentanten der guten Sache im Zeichen der Ringe denn sagen? Putin hat die Musik bestellt und bezahlt, jetzt haut er auf die dickste aller verfügbaren Trommeln. Der Rest Russlands und der Welt hat die Klappe zu halten.

Wir im Westen, allesamt lupenreine Demokraten, rollen unterdessen seinem prominentesten PR-Gag den roten Teppich vor dem Berliner „Adlon“-Hotel aus. Dass Putin den Oligarchen Michail Chodorkowski, diesen lupenreinen Unschuldsengel, dem jede kriminelle Energie selbstverständlich völlig fremd war, in die Freiheit entlassen hat, ist das übelste Schmierenstück in dieser russischen Oper. Fehlte jetzt noch, dass irgendein lupenreiner Gutmensch den lieben Chodorkowski für den Friedensnobelpreis vorschlägt.

Nein: Wir können nicht von den Sportlern verlangen, was wir selber auch nicht leisten, wenn wir unsere Urlaube in Kenia, China, Dubai oder Thailand verbringen. Da protestiert kein demokratischer Tourist all inclusive am Swimmingpool seiner Fünf-Sterne-Anlage für die Menschenrechte afrikanischer oder asiatischer Einwohner. Also lassen wir die Aktiven in Ruhe und zittern mit ihnen um die Medaillen.

Widerstand zwecklos

Den Funktionären muss man auf die Füße treten und sie fragen, nach welchen Kriterien sie die Spiele in Zukunft vergeben wollen. Das gilt auch für den Weltfußballverband, der die WM 2018 an die Putin-Russen verscherbelt hat. Die WM 2022 in Katar wird den Irrsinn noch steigern. Man sollte ernsthaft die Zurechnungsfähigkeit einzelner Funktionäre vor den entscheidenden Abstimmungen untersuchen.

Sotschi ist das traurige Paradebeispiel dafür, dass alle Augen zugedrückt werden, wenn der Rubel rollt. Widerstand ist dann zwecklos. Gewissensbisse sind strengstens verboten. Gewalt wird geduldet. Die Welt ist mit einem Schlag friedfertig; denn Putin schmust sogar mit Leoparden. Die in den Ringen vereinigten Kosakenchöre der Olympia-Häupter haben sich auf einstimmige Harmonie verständigt.

Eigentlich kann man diese Inszenierung der Spiele nur als Albtraum empfinden. Eigentlich. Aber um der Sportlerinnen und Sportler willen sollten wir nicht den Misserfolg der Olympischen Spiele herbeisehnen. Die One-Man-Show des Zaren sorgt ohnehin schon für genügend Brechreiz.