Kommentiert: Normaler Wahnsinn

Kommentiert: Normaler Wahnsinn

Es war der typische Reflex: Nachher, als sich der Rauch der Pyrotechnik-Geschosse längst verzogen hatte, regten sich alle wieder über die Maßen auf. Dabei war nur das geschehen, was an Bundesligaspieltagen in vielen Stadien passiert.

Bengalos wurden gezündet, Feuerwerksraketen Richtung gegnerische Fans abgefeuert. Nichts daran war in irgendeiner Art und Weise neu oder gar besonders. Es war der ganz normale Wahnsinn. Und doch echauffierten sich die einen über das kriminelle Potenzial der Chaoten. Und die feierten sich selbst. Business as usual.

Zur Normalität gehört es auch längst, dass sich der TV-Reporter noch während des laufenden Spiels in aller Entschiedenheit von dem Wahnsinn distanzieren muss. „Das hat mit Fankultur nun wirklich nichts mehr zu tun“, heißt es dann so oder so ähnlich. Man kann Sätze wie diesen nicht mehr hören. Sie führen einem die Hilfslosigkeit nur noch mehr vor Augen. Was nutzt das ganze Betroffenheitsgeschwätz? Warum steigt der Sender bei der ersten Unterbrechung eines Spiels nicht einfach aus? Das wäre konsequent. Sollen sie ihre Bengalos doch unter Ausschluss der TV-Öffentlichkeit zünden.

Erlaubt sei im Zusammenhang mit der TV-Übertragung ja überhaupt die Frage, wie man auf die völlig abstruse Idee kommen kann, ein Hochsicherheitsspiel zum Topspiel der ersten DFB-Pokalrunde an einem Montagabend zu machen? Wie naiv muss man denn bitteschön sein, um davon auszugehen, dass sich gerade bei diesem Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC Berlin die beiden Fangruppen lachend in den Armen liegen würden? Wer entscheidet so etwas? Wer macht das?

Die erwartbare Pressemitteilung aus der DFB-Zentrale am Tag danach gehört inzwischen auch zur peinlichen Routine. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) habe nach den Pyrotechnik-Vorfällen ein Ermittlungsverfahren aufgenommen . . . Spätestens da fühlt man sich verschaukelt. Ehrlicher wäre es, wenn es in der Pressemitteilung heißen würde: Der Kontrollausschuss des DFB hat eingesehen, dass er gegen Attacken mit Pyrotechnik in Fußballstadien machtlos ist.

Dabei liegt die Verantwortung bei den Vereinen selbst. Sie und nur sie haben dafür zu sorgen, dass es nicht zu Vorfällen wie in Rostock kommt. Dass aber nach wie vor Bengalos und Raketen gezündet werden, obwohl das Problem seit Jahren totdiskutiert wird, zeigt nur, dass die Kontrollen beim Zugang ins Stadion nicht greifen. Deshalb müssen sie verschärft werden. Und zwar an den Stellen, an denen man die Chaoten vermuten darf. Das sind in der Regel nicht die überdachten Sitzplatztribünen...

Wenn man die Kontrollen ausweitet, kann das bedeuten, dass mehr Sicherheitspersonal nötig ist. Es muss von den Vereinen bezahlt werden. Das Geld dazu haben sie. Sie werfen schließlich mit Millionen für mittelklassige Spieler nur so um sich.