Kommentiert: Merkel ist aufgewacht

Kommentiert: Merkel ist aufgewacht

Die Selbstzerlegung der SPD kann nicht länger darüber hinwegtäuschen, dass es auch innerhalb der CDU zur Sache geht. Nicht nur hinter den Kulissen.

Haudegen wie Roland Koch, Friedrich Merz und Volker Rühe kommen plötzlich aus der politischen Versenkung und schießen scharf gegen die Parteichefin, die die CDU bei den Groko-Verhandlungen unter Wert verkauft habe. Sorgen sich die Herren ernsthaft um die Partei, oder wollen sie alte Rechnungen begleichen?

Gleichwie, bei der Kanzlerin ist angekommen, dass etwas passieren muss. Annegret Kramp-Karrenbauer als Nachfolgerin von Peter Tauber zu präsentieren, ist ein starkes und unmissverständliches Signal: Angela Merkel hat begriffen, dass sie die Partei neu aufstellen muss — vor allem personell.

Merkel wird sich sehr gut überlegt haben, wen sie als ihre potenzielle Nachfolgerin nach Berlin holt. Kramp-Karrenbauer ist Merkels Kronprinzessin. Dass an der starken Frau aus dem Saarland eh kein Weg mehr vorbeiführen würde, war klar.

Kramp-Karrenbauer selbst gibt das Amt der saarländischen Ministerpräsidentin nicht umsonst auf. Ähnlich wie seinerzeit Merkel weiß sie, dass sie als Generalsekretärin den Kurs der Partei lenken und aus dieser Position eine Kanzlerkandidatur vorbereiten kann. Kramp-Karrenbauer wird Merkels Vertrauensvorschuss nicht missbrauchen und genug Geduld aufbringen. Ihre ganz große Zeit kommt noch.

Kramp-Karrenbauer wird alles daran setzen, Merkel unbeschädigt durch die nächste Legislaturperiode zu bringen und so der Kanzlerin den verdienten Abschied aus dem Amt zu ermöglichen. Merkel ihrerseits wird Kramp-Karrenbauer den nötigen Raum geben müssen und wissen, wann es Zeit wird, loszulassen. Wie ein kluger Unternehmer, der die Nachfolge seines Geschäfts organisiert und mit einem guten Gefühl zur Seite tritt. Man darf Merkel das zutrauen.

Für eine moderne CDU

Sollten Merkel und Kramp-Karrenbauer ihre Vertrautheit auch in der neuen politischen Konstellation bewahren, dann werden die Versuche der Jungen Wilden um den Finanzstaatssekretär Jens Spahn, die CDU wieder rechtskonservativer aufzustellen, ins Leere laufen. Wie Merkel steht auch Kramp-Karrenbauer für eine moderne CDU; in der Flüchtlingsfrage rückte sie nicht von Merkels Seite.

Das gilt auch für NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der vor einem Rechtsruck in seiner Partei warnt und daran erinnert, dass es weniger um das Konservative, sondern in erster Linie um das christliche Menschenbild gehen müsse. Merkel, Kramp-Karrenbauer und Laschet: Sie müssen beweisen, dass sie in der Lage sind, im politischen Alltag diesem hohen Anspruch gerecht zu werden. Zwischen die drei darf kein Blatt passen. Wann wir schreiten Seit’ an Seit’: Vielleicht gelingt es ja der CDU, die SPD-Hymne mit Leben zu füllen.