Kommentiert: Lokalkolorit liegt vorn

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Die Szene hätte nicht bezeichnender sein können. Soeben ist Julia Klöckner, im Brotberuf stellvertretende CDU-Vorsitzende, beim Versuch, eine langweilige Rede vom Teleprompter abzulesen, grandios auf der AKV-Bühne verhungert, da bringen die 4 Amigos im Anschluss den Saal zum Kochen.

Seit gefühlten fünf mal elf Jahren versucht sich der Aachener Karnevalsverein in unverbrüchlicher Allianz mit dem Westdeutschen Rundfunk an dem Rezept, ein schwungvolles Menü aus Aachener Karneval, nationaler Polit-Prominenz und mehr oder weniger erprobten TV-Comedians zu servieren — oft mit mäßigem Genuss für den Endverbraucher. Und so hatte auch in diesem Jahr die Sitzung wider den tierischen Ernst eine Melange aus lauem Humor und lokalem Esprit zu bieten, die in ihrer Gesamtheit nur mit einigen Zutaten überzeugen konnte.

Was um alles in der Welt reitet den WDR, so viele Politiker auf die Bühne zu stellen, die das tun müssen, was sie nicht können? Es ist nicht witzig, wenn Julia Klöckner Witze erzählt. Und es ist auch eher lachhaft, wenn Alexander Graf Lambsdorff den Reggae-Rambo mimt. Cem Özdemir und Armin Laschet sind gute Freunde. Das freut die Menschen sicherlich in Zeiten, in denen Politiker mehr übereinander schimpfen, als miteinander zu lachen.

Warum Özdemir und Laschet ihr Kumpeldasein in die Bütt transportieren müssen, weiß kein Mensch. Das gilt übrigens auch für Wilfried Schmickler. Der Mensch brilliert normalerweise bei den Mitternachtsspitzen, jetzt quasselte er das AKV-Publikum in den Frühabendschlaf. Dave Davis alias „Motombo“ hat man gar nicht erst auftreten lassen, so schlecht muss seine Nummer bei der Generalprobe gewesen sein!

So waren es — wieder einmal — in erster Linie die Aachener Kräfte, die einem den Orden schmackhaft machten. Die Amigos eben — wie immer. Oder Dirk von Pezold, dessen Abschied als Lennet Kann den emotionalen Höhepunkt des Abends bildete. Oder die Aachener Tollitäten mit ihrem prächtigen Bühnenbild. Oder Stimmungssänger Kurt Christ. Und es waren der Laudator und der Ordensträger, die nach gut vier(!) Stunden Sitzung mit einem allzu langen Abend versöhnten. Gregor Gysi brillierte mit Wortwitz und Selbstironie. Winfried Kretschmann stand ihm in nichts nach und zeigte, dass er eine wirklich hervorragende Wahl als Ordensritter war. Chapeau!

Was von Schlechtem und Guten übrig bleibt, entscheidet der WDR. Zeigt man am heutigen Abend nur die Highlights, ist die Suppe schnell gelöffelt und der Pantoffelkinobesucher erlebt ein amüsantes Stündchen. Auch für den AKV ist das eine spannende Angelegenheit. Einfluss auf den Schnitt hat man nicht. Da rührt der WDR alleine im Brei. Der übrigens auch in den kommenden Jahren gekocht wird. Noch am Abend gab ein ziemlich begeisterter WDR-Fernsehdirektor dem Orden einen TV-Freisendeschein. Der Mann hat eben Humor!

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