Kommentiert: Liebe statt Hass

Kommentiert: Liebe statt Hass

Bei einem Brandanschlag am 29. Mai 1993 verbrannten und erstickten im Haus der Familie Genc in Solingen Hatice Genç (18), Gülüstan Öztürk (12), Hülya Genç (9) und Saime Genç (4). Gürsün Ince (27) starb beim Sprung aus dem brennenden Haus.

Die Täter sind schon seit 2005 alle wieder auf freiem Fuß und haben nie eine Spur von Reue gezeigt. „Die Strafen sind verbüßt; das Thema ist für mich erledigt“, sagt Mevlüde Genç. Der Tod ihrer beiden Töchter, der zwei Enkel und der Nichte, die alle von den vier Neonazis ermordet wurden, kann und wird für sie nie erledigt sein.

„Bis heute habe ich die Nacht des Anschlags vor Augen und höre die Schreie meiner Kinder, die in den Flammen verbrannten. Der Schmerz über ihren Verlust ist immer in meinem Herzen und wird bis zu meinem Lebensende nicht aufhören. Er hat dazu geführt, dass ich keine Lebensfreude mehr empfinden kann“, sagt Genç und ruft zu Verständigung zwischen Deutschen und Türken auf.

Wie diese wunderbare Frau ihre unendliche Trauer mit so viel Großherzigkeit und Versöhnung verbindet, ist überwältigend. Wer schafft das schon? Sie schafft es seit 25 Jahren und wird nicht müde, für Respekt und Miteinander zu werben.

„Das waren nicht die Deutschen, sondern vier Einzeltäter“, hat Genç richtigerweise gesagt. Dennoch waren die Morde von Solingen kein Einzelfall, sondern standen in einer Reihe mit anderen rassistisch motivierten Gewalttaten in Hoyerswerda, Rostock und Mölln. Ministerpräsident Laschet hat zu Recht auf die aufgeheizte Stimmung und das fremdenfeindliche Klima damals hingewiesen und Mevlüde Genç als „Vorbild für uns alle“ empfohlen.

Wenn Demokraten nicht aufpassen, wenn sie Rassisten nicht widersprechen, wenn sie zulassen, dass Juden und Muslime drangsaliert und isoliert werden, wenn Hass, antisemitische oder antimuslimische Klischees verbreitet werden, ist es schnell vorbei mit Menschlichkeit, Würde und Anstand in dieser Republik — letztlich mit der Freiheit. Zudem warten gewaltbereite, dumpfe Extremisten nur darauf, dass ihnen ein etwas intelligenterer Kopf Motive für ihre Taten liefert.

Wer als Vorsitzende der größten Oppositionspartei im Bundestag über „Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“ spricht, vergiftet die politische Debatte und bereitet einer Atmosphäre den Boden, aus der heraus auch die Täter von Solingen vor 25 Jahren handelten. Vor den Taten von Extremisten stehen die Worte von Extremisten — aufpeitschende, diskriminierende, hetzerische Worte. All diejenigen, die Alice Weidel via Twitter oder Facebook applaudieren, müssen sich bewusst sein, auf welch widerlichen und gefährlichen Weg sie sich einlassen.

Unendlich weit ist die Distanz zwischen der Eiseskälte der AfD-Fraktionschefin und der Herzenswärme von Mevlüde Genç.

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